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Der Friedhof ist der Ort, an dem Menschen trauern. Für die beiden Frauen, von denen der Predigttext erzählt, wurde er zur Bühne des Lebens: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesus ist auferstanden. Weil wir das wissen, müssen wir uns nicht scheuen vor der Berührung mit dem Vergänglichen in unserem Leben. Im Gegenteil, meint der Autor der Andacht: Wir können uns ganz nah heranwagen – und dann fröhlich feiern und donnernd für das Leben protestieren. Foto: okanakdeniz
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Tobias Treseler (55) ist Theologischer Kirchenrat der Lippischen Landeskirche in Detmold.

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Ganz nah ran

Andacht

Von Tobias Treseler | 16. April 2017

Andacht über den Predigttext zum Ostersonntag: Matthäus 28, 1-10

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Der Friedhof ist der Ort, an dem Menschen trauern. Für die beiden Frauen, von denen der Predigttext erzählt, wurde er zur Bühne des Lebens: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Jesus ist auferstanden. Weil wir das wissen, müssen wir uns nicht scheuen vor der Berührung mit dem Vergänglichen in unserem Leben. Im Gegenteil, meint der Autor der Andacht: Wir können uns ganz nah heranwagen – und dann fröhlich feiern und donnernd für das Leben protestieren. Foto: okanakdeniz
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Tobias Treseler (55) ist Theologischer Kirchenrat der Lippischen Landeskirche in Detmold.

Predigttext

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. (...) 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. 9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! (...)

 

Viele, die einen lieben Menschen verloren haben, wollen erst einmal überhaupt nicht zum Friedhof. Die beiden Marias machen es anders. Sie wollen ihre Freundschaft zu Jesus gerade dadurch bewahren, dass sie zu seinem Grab gehen. Dort können sie ihm jetzt noch nahe sein. Sich vergewissern, dass es richtig war, zu ihm zu halten bis zuletzt. Trauern.

Aber statt der Begegnung mit einem Toten erwartet sie Lebendiges: Der Friedhof wird zur Bühne des Lebens. Ein Erdbeben donnert, ein beeindruckender Engel tritt auf. Und dann: „Fürchtet euch nicht!“

Das ist die gute Nachricht für die, die heute an Gräbern stehen: An den Gräbern der Menschen, um die sie trauern. Aber auch für die, die an den Gräbern ihrer vertanen Chancen und der verlorenen Ideen stehen. An den Gräbern der misslungenen Lebensentwürfe und der zerbrochenen Träume. Die gute Nachricht für alle, die ihre Zukunft schon beerdigt sehen, lautet: „Jesus ist auferstanden. Gott hat ihn nicht im Tod gelassen. Der Tod ist nicht das Ende.“ Das muss gesagt werden. Und es muss laut gesagt werden, damit es Menschen in ihrer Trauer erreicht, damit sie aus ihrer Schockstarre erwachen und Zukunft sehen.

Die Frauen verlassen das Grab mit Furcht und Freude. Die Nachricht von der Auferstehung ist gewaltig. Das ist nichts Harmloses. Der Tod ist ihnen vertraut, traurig, aber wahr: So ist es eben. Wir kennen das: In jeder Nachrichtensendung, auf fast jeder Zeitungsseite und unzähligen Internetforen kann man sich davon überzeugen: Terror und Schrecken gefährden und töten Menschen. Das alles ist so fürchterlich, dass wir leicht verführt sind, wegzusehen, uns abzuwenden von den Gräbern und so zu tun, als wäre alles in Ordnung. Oder wenigstens irgendwie in Ordnung zu bringen, durch Bomben hier und Zäune da.

So denken heißt, dass wir in Wahrheit keine Hoffnung haben. Ostern dagegen sagt: Wir brauchen nicht wegzusehen, sondern können im Gegenteil ganz nah ran an die Gräber – wie Maria und Maria. Was die beiden erlebten, ist ein zweiter Urknall: Alles beginnt neu.

Furcht und Freude! Das gehört zusammen: Der Blick über den Friedhof und die Nachricht von der Auferstehung. Das eine hängt am anderen. So wie Weinen und Lachen, so wie Durst an heißem Sommertag und die erfrischenden Schlucke kühlen Wassers.

Ostern befreit: Wer in seinen Egoismus und seine beharrlich gepflegten Vorurteile verkrümmt ist, kann sich erleichtert aufrichten, neu in die Welt blicken und bessere Wege gehen. Ostern benachrichtigt von einer Kraft, die vor nichts Üblem zurückschreckt. Einer Kraft, mit der Gott dem Leben recht gibt. Darum gilt: Die menschen- und schöpfungsverachtenden Mächte sollen nicht das letzte Wort behalten. Was seit Karfreitag verloren schien, wird von Gott ins rechte Licht gerückt. Er sagt Ja zu dem Prediger aus Nazareth. Er verbindet sich ganz und gar mit ihm. Wer weiß, wie das geschieht. Letztlich ist das ein Geheimnis mit der Auferstehung. Aber eins, das Menschen zu berühren vermag. Eins, das uns zum Erzittern bringt, weil es groß und unfassbar ist. Eins, das die Herzen festigt und gelassen macht zum Handeln.

Der Auferstandene verkörpert Gottes guten Willen für alle Menschen und seine Schöpfung. Die Frauen überwinden ihre Angst. Am Ort des Grauens finden sie zur Freude. Der Weg zum Friedhof hat sich gelohnt. Nun können sie sich wieder ins Leben stürzen.

Matthäus hat diese Erfahrung drastisch inszeniert. Mit grellen Farben und kräftigen Tönen. Vielleicht bewegt uns das, unsere österlichen Erfahrungen laut werden zu lassen: fröhlicher feiern, öfter öffentlich beten und, wo nötig, donnernder für das Leben protestieren.

Gebet: Gott, du Schöpfer des Lebens, lass die Auferstehung Jesu Christi heute für uns wahr werden. Begegne uns an den Orten unseres Scheiterns und unserer Trauer. Stärke unseren Glauben. Richte uns auf. Lass uns neue Wege wagen. Und mach uns zu sanftmütigen, hartnäckigen Zeuginnen und Zeugen deiner Gerechtigkeit. Amen

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