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Den Augenblick genießen, ganz im Jetzt und Hier aufgehen – das sieht für jeden anders aus. Für den einen ist es vielleicht ein Tag am Strand mit der Familie, für den anderen der Moment, an dem er nach einem langen Arbeitstag die Füße auf die Couch legen und entspannen kann. Wie eine Frau vor rund 2000 Jahren den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus gefeiert hat, davon erzählen der Predigttext und die Andacht. Foto: nadezhda1906
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Oliver Bretschneider (34) ist Pfarrer im Probedienst in der Kirchengemeinde Attendorn und dem Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg.

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Dieser eine Moment

Andacht

Von Oliver Bretschneider | 9. April 2017

Andacht über den Predigttext zum Palmsonntag: Markus 14, 3-9

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Den Augenblick genießen, ganz im Jetzt und Hier aufgehen – das sieht für jeden anders aus. Für den einen ist es vielleicht ein Tag am Strand mit der Familie, für den anderen der Moment, an dem er nach einem langen Arbeitstag die Füße auf die Couch legen und entspannen kann. Wie eine Frau vor rund 2000 Jahren den Augenblick ihrer Begegnung mit Jesus gefeiert hat, davon erzählen der Predigttext und die Andacht. Foto: nadezhda1906
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Oliver Bretschneider (34) ist Pfarrer im Probedienst in der Kirchengemeinde Attendorn und dem Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg.

Predigttext
3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Das ist doch Verschwendung! Was das gekostet hat! Völlig unnötig!“
Während der Ereignisse, die im Bibeltext für diese Andacht beschrieben sind, scheinen so ähnliche Gedanken den Jüngern durch den Kopf gegangen sein.
Solche Sätze gibt es auch bei uns immer wieder zu hören. Zum Beispiel wenn wir die Frage stellen: Warum gibt der Staat oder die Landeskirche so viel Geld für die verschiedensten Projekte oder Strukturen aus?

Oder dann, wenn wir selbstkritisch darauf hinweisen: Der Reichtum in unserer Gesellschaft entsteht viel zu oft durch Ausbeutung von Mensch und Natur, sowohl hier als auch in anderen Ländern.

Diese Sätze sind doch wohl der Versuch, einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen und mit Gottes Schöpfung zu erreichen – wie kommt es, dass Jesus da plötzlich der Verschwendung das Wort zu reden scheint?

Vielleicht geht es erst einmal um den Satz Jesu: „Was bekümmert ihr sie?“ Damit hält er seine Jünger zurück, die die Frau anfahren. Das mag heißen: „Verurteilt nicht vorschnell!“ Vielleicht auch: „Erhebt keine Ansprüche auf das, was euch nicht zusteht!“ Die Frau hätte das Geld spenden können – aber die Jünger scheinen sich doch ziemlich wohl in ihrer moralisch überlegenen Position zu fühlen.
Es steht uns nicht nur in der Passionszeit gut an, daran zu denken: Wir alle leben aus der Gnade Gottes. Vielleicht gilt das gerade dann besonders, wenn wir überzeugt sind, dass die Antworten doch ganz einfach sind.

Aber Jesus geht noch weiter. Er sagt nicht nur: Denkt nach, bevor ihr urteilt – obwohl das schon viel wäre, wenn wir Menschen uns daran immer halten würden. Jesus sagt noch darüber hinaus: „Diese Frau hat ein gutes Werk an mir getan!“
Diese Frau scheint einen sehr guten Blick für das Besondere zu haben. Es ist ein ganz besonders kostbares Öl, das sie da ausgesucht hat. Und für diesen besonderen Moment verbraucht sie es bis auf den letzten Tropfen.

Das bedeutet nicht, dass es plötzlich unwichtig geworden wäre, den Armen zu helfen. Es kann nicht unwichtig sein, Not zu lindern. Aber dieser Moment mit Jesus kommt nie wieder. Die Jünger haben nicht mehr viel Gelegenheit, Zeit mit Jesus zu verbringen. In Jesu Leben zeigt sich Gottes Liebe zur Welt und zu den Menschen überreichlich. Dies zu übersehen, das ist die eigentliche Verschwendung!
Die Frau hingegen, die Jesus salbt, beweist einen scharfen Blick für diese besondere Zeit, die bald wieder vergangen ist.

Vielleicht gibt es auch in unserem Leben Zeiten – Tage, Stunden, Momente – , in denen wir Gottes Liebe und sein Wirken besonders wahrnehmen. Die wir besonders herausstellen. Aber vielleicht gibt es auch Zeiten, in denen wir die Nähe Gottes zu uns übersehen. Wie können wir unseren Blick schärfen, damit uns das möglichst nicht geschieht? Die Frau hat Jesus im Voraus zu seinem Begräbnis gesalbt. Das ist das gute Werk, das sie mit dem Gespür für den richtigen Moment getan hat.
Jesu Sterben steht bevor, sagt er seinen Jüngern. Aber das bedeutet nicht, dass nur das wertvoll wäre, was mit Tod, mit Abschied oder Verzicht zu tun hat.

Es ist wichtig – nicht nur in der Passionszeit –, darauf zu blicken, wo unser Handeln anderen Menschen schadet. Es ist aber auch wichtig, darauf zu schauen, wo unser Leben von der Liebe bestimmt ist – von Gottes Liebe zu uns, und von unserer Liebe zu Gott. So gewinnen wir einen scharfen Blick dafür, wie die Welt im Licht von Gottes Liebe erscheint.

Jesus ist durch den Tod hindurchgegangen, er lebt! Die Passionszeit handelt nicht nur von den Dingen, auf die wir verzichten können – sondern vor allem von dem, was wir nicht verschwenden wollen: Von dem Heil, das Christus für uns gewonnen hat.

Gebet: Lieber Vater, im Leben und Sterben deines Sohnes zeigt sich deine reiche Liebe zu uns. Schenk uns deinen Geist, dass wir einen liebevollen Blick für das Gute in den Menschen um uns herum bekommen, sodass wir miteinander in deinem Sinn handeln können. Lass uns deine Schöpfung im Licht deiner Liebe sehen. Amen.

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