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Katharina Wagner (links) und Franziska Hannig entwerfen Bikinis aus Plastikmüll. Foto: epd

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Komplexe Teile

Nachhaltigkeit

17. März 2017

Aus Kunststoffmüll im Meer lässt sich viel Sinnvolles herstellen. Bademode zum Beispiel. Zwei junge Existenzgründerinnen aus Frankfurt am Main entwickeln daraus Bikinis, mussten aber feststellen, wie steinig der Weg zum Erfolg sein kann.

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Katharina Wagner (links) und Franziska Hannig entwerfen Bikinis aus Plastikmüll. Foto: epd

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Frankfurt a.M. (epd). Katharina Wagner und Franziska Hannig sitzen am Tisch, vor sich Proben von Stoffen. Ein Torso steht neben ihnen, mit einem bunten Bikini bekleidet. Es ist Bademode, die sie entworfen haben. In ihrer Unternehmensgründung Inaska widmen sich die beiden in Hannigs Wohnung im Frankfurter Stadtteil Bockenheim dem Entwurf von Öko-Bikinis.

Die Teile sind zu 80 Prozent aus Econyl gefertigt und zu 20 Prozent aus Elasthan. Letzteres gehört in jeden Bikini, damit er straff sitzt. Econyl ist eine Nylonfaser des italienischen Unternehmens Aquafil, die aus altem Kunststoff fabriziert wird - aus Teppichflusen zum Beispiel oder aus alten Fischernetzen. Wenn die Netze im Meer umhertreiben, sind sie eine große Gefahr für Fische und Meeressäuger, die sich darin verfangen oder die Plastikteile fressen. Aquafil stellt daraus ein Granulat her, das man anschließend einschmilzt und zu Garn spinnt. Das Unternehmen erhielt 2014 einen Sonderpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für "vorbildliche Ressourceneffizienz".

Stoffbeutel im Karton

Das gesamte Material für die Bikinis von Wagner und Hannig kommt ausschließlich aus Europa beziehungsweise von europäischen Küstengewässern, wie die Gründerinnen sagen. "Das war uns wichtig", erklärt Hannig, "wir wollten nicht, dass unser Rohstoff mit dem Flugzeug hin- und hergeflogen wird." Wenn sie ihre Bikinis verschicken, dann kommen die Teile in einem Stoffbeutel, der in einem Karton steckt.

Beide arbeiteten bei einem Unternehmen in der Lebensmittelbranche im Marketing, dort lernten sie sich kennen. Vor etwas mehr als zwei Jahren sprachen sie zum ersten Mal über die Idee, sich selbstständig zu machen - mit Bademode. Hannig spielt in ihrer Freizeit Beachvolleyball, daher wusste sie, wie schwierig es sein kann, einen Bikini zu finden, "der gut aussieht und etwas aushält". Mal störe jenes Band, mal sitze jene Schleife unpassend.

Allerdings machte dieses Wissen die beiden 32-Jährigen noch nicht zu versierten Schneiderinnen. "So ein Bikini ist schon ein komplexes Teil", sagt Hannig, "viele Nähte, viele Bänder." Da hätten sie sich erst einmal hineinfuchsen müssen, eine Designerin habe ihnen geholfen. Zudem sei der Stoff nicht eben einfach zu verarbeiten. Er verrutscht nämlich leicht, man benötigt für ihn spezielle Nähmaschinen. Im Januar 2016 gründeten sie ihr Unternehmen Inaska - der Name setzt sich aus den jeweils drei letzten Buchstaben ihrer Vornamen zusammen. Im Juli startete dann der Online-Shop. Rund 400 Bikinis haben sie im vergangenen Jahr verkauft.

Günstiger in Portugal

Ordentlich Lehrgeld hätten sie zunächst bezahlen müssen, erzählen Wagner und Hannig. Zunächst bezogen sie ihre Bikinis von einer spanischen Firma, die nach ihren Entwürfen fertigte. Ein Fünftel der Ware war aber Ausschuss, auf dem sie sitzenblieben. "Man kann so etwas vertraglich regeln", schildert Hannig. "Haben wir aber nicht, weil wir das nicht wussten."

Die fertige Bademode kostete dann mehr als 90 Euro - zu viel, die Schmerzgrenze ihrer Kundinnen liege bei etwa 70 Euro, sagen die beiden Existenzgründerinnen. Sie führen das zum Großteil auf eine spanische Kontaktperson zurück, die für ihre Dienste viel Geld wollte. Nunmehr lassen die beiden in Portugal produzieren, da koste der Zwischenhandel nicht so viel.

Natürlich wissen Wagner und Hannig, dass ihr Geschäftsmodell widersprüchlich ist. Einerseits achten sie darauf, Ressourcen zu schonen, andererseits vertreiben sie ihre Ware per Paket. Der Versandhandel hat in Sachen Umwelt nicht eben das beste Image. "In dem Umfeld, in dem wir uns bewegen müssen, holen wir das Maximale für die Umwelt heraus", sagt Wagner. Ein eigener Laden in Frankfurt ergebe keinen Sinn - zu wenig Kundschaft. Die gebe es nun mal eher dort, wo Strand in der Nähe sei.

Ideen für neue Produkte

Sie hätten auch bereits versucht, Verkaufsfläche für ihre Bikinis in bestehenden Läden zu mieten. Doch die meisten Händler hätten ihnen angeboten, ihre Ware nur auf Kommission abzunehmen. So wäre das ganze unternehmerische Risiko alleine bei ihnen geblieben.

Die Idee, Bademode aus Econyl herzustellen, scheint im Tend zu liegen: adidas hat Anfang Februar eine Schwimmmodelinie aus Econyl vorgestellt, Speedo bietet schon länger Econyl-Badebekleidung an. Und auch kleinere Anbieter fertigen Bikinis und Badeanzüge aus der Recycling-Faser: die Hamburger Firma Woodlike Ocean etwa, die nach eigenen Angaben zusätzlich die Healthy Seas Organization unterstützen, die sich gegen Müll in den Meeren einsetzt.

Von Inaska leben können Wagner und Hannig nicht. Wagner arbeitet nebenher freiberuflich im Marketing, Hannig ist in Elternzeit. Für 2018 peilen die zwei Gründerinnen erstmals einen Gewinn an. Und sie denken darüber nach, was man mit Econyl sonst noch alles anstellen könnte. Etwas, das sie unabhängiger von der Badesaison machen würde. Laufhosen vielleicht.

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 20. März 2017, 15:40 Uhr


Nachvollziehbar & begrüßenswert finde ich die Umsetzung einer Idee in systematischer Absicht, um nachhaltig etwas für dauerhaften Erfolg zu tun. Dass dabei auch Umwelt-Gesichtspunkte eine Rolle spielen, halte ich für zumindest intendiert.

Schwer verständlich dagegen, bzw. für mich fragwürdig, ist dabei die Idee, Meeres-Müll zu sammeln:

-ist damit beabsichtigt, das Meer zu entlasten, so ist die geringe Menge des Rohstoffes dazu nicht geeignet

-soll damit der öffentliche Wahrnehmungs-Fokus auf die Verschmutzung der Meere gelenkt werden, ist im Resultat eher ein gegenteiliger Effekt zu vermuten - die vermeintlich Säuberung des Meeres beruhigt nur das Gewissen
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