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Eine uralte Vorstellung, aber der Wunsch danach ist ungebrochen aktuell: Segen – Anteil an göttlicher Kraft und Gnade. Foto: TSEW
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Geben, was man nicht hat

Gottesdienst

Aus der Printausgabe - UK 11 / 2017

Von Anke von Legat | 12. März 2017

Wer Hände beim Segen zur Bitte faltet oder zum Zuspruch erhebt, betont verschiedene Aspekte des Segnens. Fest steht: Es ist Gott allein, der im Segen handelt

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Eine uralte Vorstellung, aber der Wunsch danach ist ungebrochen aktuell: Segen – Anteil an göttlicher Kraft und Gnade. Foto: TSEW

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Es ist nur eine Geste – aber die hat es in sich: Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer im Gottesdienst den  Schlusssegen sprechen, erheben die einen die Hände, während die anderen sie falten. Wieso das?

In westfälischen und lippischen Kirchengemeinden gibt es beides. Lutherische Pfarrerinnen und Pfarrer sprechen in der Regel der Gemeinde den Segen mit erhobenen Händen zu: „Der Herr segne dich und behüte dich …“. Dagegen ist es in manchen reformierten Gemeinden üblich, dass Pfarrerinnen und Pfarrer die Hände falten und gemeinsam mit der Gemeinde um den Segen bitten: „Der Herr segne uns und behüte uns …“.

Zuspruch oder Bitte – wer eine dieser beiden Formen gewöhnt ist, fragt meistens nicht danach, ob es auch anders geht. Aber dann kommt ein Gottesdienst in der Nachbargemeinde, eine Taufe oder Konfirmation mit einem fremden Pfarrer, und der Segen fällt anders aus als gewohnt – und schon ist da eine kleine Irritation: Geht das denn so auch? Und: Was soll dieser Unterschied?

„Segen ist die Fähigkeit zu geben, was man nicht hat“, hat der Theologe Fulbert Steffensky einmal formuliert. Also: Das, was beim Segen passiert, passiert nicht aufgrund bestimmter Formeln und Rituale, und auch nicht aufgrund irgendeiner besonderen  Wirkmacht des oder der Segnenden. Es geschieht, weil Gott im Segen handelt. Er allein ist derjenige, der die Zusage von Schutz, Kraft und Würde gibt und erfüllt. Segnende wie Gesegnete lassen sich fallen in dieses Versprechen.

Da könnte man meinen, dass zu diesem Verständnis eher die Segensbitte passt als der Zuspruch. Mit dem Falten der Hände wird die Seite des Empfangens, der Demut und des Beschenktwerdens unterstrichen. So kann gar nicht erst der Verdacht aufkommen, dass irgendeine magische Handlung stattfindet.

Nur: Viele Menschen empfinden gerade die Verbindung von Segenszuspruch und dem Auflegen oder Aufheben der Hände als besonders machtvoll und wohltuend. Diese Geste hat etwas Beschützendes und gleichzeitig Kraftvolles. Gottes Zusage wird so sinnfällig, sichtbar und hörbar. Segnen ist eben auch „Handarbeit“, sagt die Theologin Magdalene L. Frettlöh, um die Bedeutung der Gesten hervorzuheben.

Es ist daher kein Wunder, dass neue Segensformen Konjunktur haben: irische Segenssprüche; gegenseitiges Bezeichnen mit dem Kreuzeszeichen, vielleicht sogar mit duftendem Öl; persönliche Segnungen mit Handauflegen. Zwischen all diesen Worten und Gesten, so reich und sinnenfroh sie auch sind, droht tatsächlich manchmal das Bewusstsein verloren zu gehen, dass es Gott ist, der hier wirkt, und dass die Lebenskraft, die zugesprochen wird, für uns Menschen unverfügbar ist und bleibt.

Weniger kann da mehr sein: Den Worten des alten aaronitischen Segens, den Martin Luther an den Schluss des Gottesdienstes gestellt hat, ist an Sprachkraft und Ausstrahlung eigenlich nichts hinzuzufügen – egal, ob als Bitte oder Zuspruch formuliert.

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