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Was kommt jetzt? Frauen und Mädchen auf der Flucht sind weltweit besonders gefährdet. Foto: UNHCR /Achilleas Zavallis
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Maria von Welser ist deutsche Fernsehjournalistin und war von 2008 bis 2014 stellvertretende Vorsitzende von UNICEF Deutschland. 1988 wurde Maria von Welser bekannt als Gründerin, Redaktionsleiterin und Moderatorin des ersten Frauenjournals im deutschen Fernsehen: ML Mona Lisa. Seit 2015 lehrt sie in der Universität Paderborn an der Fakultät „Philosophie“ zum Thema „Geschlechtergerechte Berichterstattung in den Medien“. Sie reist in Kriegsgebiete und schreibt in ihren Büchern über die Situation von Frauen und Mädchen weltweit.
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Frauen und Mädchen auf der Flucht

Aus EINS* - Nr. 2, 2017 | 2. März 2017

Mehr als die Hälfte der Menschen auf der Flucht weltweit sind Frauen. Sie sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Was ist zu tun? Gespräch mit der TV-Journalistin und Autorin Maria von Welser

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Was kommt jetzt? Frauen und Mädchen auf der Flucht sind weltweit besonders gefährdet. Foto: UNHCR /Achilleas Zavallis
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Maria von Welser ist deutsche Fernsehjournalistin und war von 2008 bis 2014 stellvertretende Vorsitzende von UNICEF Deutschland. 1988 wurde Maria von Welser bekannt als Gründerin, Redaktionsleiterin und Moderatorin des ersten Frauenjournals im deutschen Fernsehen: ML Mona Lisa. Seit 2015 lehrt sie in der Universität Paderborn an der Fakultät „Philosophie“ zum Thema „Geschlechtergerechte Berichterstattung in den Medien“. Sie reist in Kriegsgebiete und schreibt in ihren Büchern über die Situation von Frauen und Mädchen weltweit.

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Es gibt weltweit eine regelrechte „Hatz“ gegen Frauen und Mädchen, sagt die TV-Journalistin Maria von Welser. In vielen Ländern gilt: Wer als Mädchen geboren wird, lebt lebensgefährlich. Besonders gilt das für Frauen und Mädchen auf der Flucht. Fakten und Hintergründe erklärt die Expertin im Gespräch mit Nicole Richter, Fachbereichsleiterin des Frauenreferats der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Frau von Welser, weltweit sind derzeit 65,3 Millionen Menschen auf der Flucht. Das zeigt der Jahresbericht 2015 des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen UNHCR. Welche Gründe treiben Menschen an, aus ihrer Heimat zu fliehen?
Menschen fliehen vor Krieg, vor Gewalt, Hunger und wirtschaftlicher Not. Die Gründe sind vielfältig. Niemals aber fliehen Menschen freiwillig und gerne. Die Heimat und das vertraute Umfeld zu verlassen: Das macht niemand ohne Grund.

Mehr als 50 Prozent aller Flüchtlinge weltweit sind Frauen. Flüchten Frauen aus anderen Gründen als Männer?
Frauen schaffen es meistens nicht, die Flucht ganz alleine zu organisieren und durchzuziehen. Frauen und Kinder aus Syrien zum Beispiel landen in den Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien, in der Türkei. Die Männer bewältigen auf Grund ihrer körperlichen Konstitution  die gefährliche Flucht häufig besser, während Frauen und Kinder oftmals stranden, zwischen den Kriegen in ihrer Heimat und der Aufnahme in Europa. Das ist bitter.

Gibt es besondere geschlechtsspezifische Gefahren, denen Frauen auf der Flucht ausgesetzt sind?
Vor allem die flüchtenden Frauen aus den Ländern südlich der Sahara sind Vergewaltigung, Schlägen, Folter ausgesetzt. Meist geht ihnen das Geld für die Schlepper, die Polizeistationen und die Kontrollen aus – dann bezahlen sie mit ihrem Körper. Die Jesidinnen aus dem Norden des Irak und aus Nord-Ost-Syrien beispielsweise werden von den IS-Terroristen verfolgt, erdulden Vergewaltigung, Schläge, Gefängnis oder den Verkauf an andere Araber zu billigsten Preisen.

Sie schreiben in Ihren Büchern insbesondere über die steigende Gewalt gegen Frauen und Mädchen weltweit und sprechen von einem regelrechten Vernichtungsfeldzug. Was verstehen Sie unter dem Begriff „Femizid“?
Den Begriff haben die Südamerikanerinnen geprägt. Sie lehnen ihn an das Wort „Genozid“ an, sie beschreiben damit die weltweite Hatz auf Frauen und Mädchen. In Afghanistan, Indien und im Ost-Kongo ist es laut einer UN-Liste am gefährlichsten, als Mädchen geboren zu werden. Lebensgefährlich!

Wenn die Hälfte der Flüchtlinge Frauen sind, weshalb sieht man auf den meisten Fotos der Flüchtlinge im Mittelmeer fast nur Männer? Und warum werden 70 Prozent der Asylanträge in Deutschland von Männern gestellt?
Im Flucht-Sommer 2015 reduzierte das Welternährungsprogramm die monatlichen Zahlungen an Flüchtlinge von 26 Dollar auf 13 Dollar, weil die Industrienationen zu wenig eingezahlt hatten. Das war der Moment, wo die Familien in den Flüchtlingszentren Türkei, Libanon und Jordanien alles flüssig gemacht haben, um wenigstens einem aus der Familie, dem Starken, die Flucht nach Europa zu ermöglichen. Er sollte dann die Familien nachholen. Diese Möglichkeit des Familiennachzugs ist aber mittlerweile in Deutschland durch das Asylgesetz II stark eingeschränkt worden.

Flucht, Notunterkünfte, Entwurzelung – das sind Phänomene, die wir in Deutschland aus der Zeit um 1945 kennen. 14 Millionen Deutsche verließen Ende 1944 ihre Heimat in Ostpreußen, Pommern oder Schlesien, wurden deportiert oder mussten flüchten. Gibt es etwas, was die Menschen auf der Flucht heute und damals miteinander verbindet? Was ist bei denen, die heute kommen, anders als bei denen, die vor über 70 Jahren in Deutschland ankamen?
Was sie in aller historischen Unterschiedlichkeit verbindet? Dass sie alle Menschen sind. Mit unterschiedlichen Religionen, unterschiedlichem Geschlecht, unterschiedlichen Pässen. Aber – alle sind Menschen. Suchen nach einer Perspektive für ihr Leben. Wollen sich und ihre Familien in Sicherheit wissen.
Das ist das Gemeinsame zwischen dem jungen Syrer, der in unseren Tagen ein Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer besteigt und der Ostpreußin, die 1945 über das Haff nach Holstein flüchtete. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben genau diese Erfahrungen deutscher Nachkriegsflüchtlinge ja aufgenommen, als sie das Grundrecht auf Asyl im Grundgesetz verankerten.

Die Vereinten Nationen haben im September 2015 – nach zähen Verhandlungen – die „Nachhaltigen Entwicklungsziele“ verabschiedet. Bis 2030 soll dieser Weltzukunftsvertrag nun umgesetzt werden. Ein richtiger Schritt – auch zur Bekämpfung von Flucht­ursachen?
Ja, natürlich. Denn das ehrgeizige Ziel, allen Mädchen Bildung zu ermöglichen, wird sein, aus diesen gebildeten Mädchen klügere Frauen zu machen, die sich um die Familien kümmern, die nur so viele Kinder gebären, wie sie zu ernähren vermögen, die sich in den Kommunen einbringen, wenn es um die Verteilung von Geldern geht. Bildung für Mädchen ist aus meiner Sicht der Schlüssel für eine bessere Zukunft.

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