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Ein Replikat des Lagertors des früheren Konzentrationslagers Dachau am 22.02.2017 am Eingang der Gedenkstätte. Das historische Tor des früheren Konzentrationslagers ist wieder zurück. Es wurde am Mittwoch (22.02.2017) als Teil eines Kunsttransports in der KZ-Gedenkstätte angeliefert. Das Tor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ war im November 2014 gestohlen und Ende 2016 auf einem Parkplatz nahe der norwegischen Stadt Bergen gefunden worden. Hinweise auf die Täter gibt es laut Polizei nach wie vor nicht. Foto: epd
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Rückkehr eines Symbols

Von Susanne Schröder | 23. Februar 2017

Mehr als zwei Jahre nach Diebstahl: Lagertor in KZ-Gedenkstätte Dachau eingetroffen

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Ein Replikat des Lagertors des früheren Konzentrationslagers Dachau am 22.02.2017 am Eingang der Gedenkstätte. Das historische Tor des früheren Konzentrationslagers ist wieder zurück. Es wurde am Mittwoch (22.02.2017) als Teil eines Kunsttransports in der KZ-Gedenkstätte angeliefert. Das Tor mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ war im November 2014 gestohlen und Ende 2016 auf einem Parkplatz nahe der norwegischen Stadt Bergen gefunden worden. Hinweise auf die Täter gibt es laut Polizei nach wie vor nicht. Foto: epd

Dachau (epd). Punkt 12.15 Uhr senkte sich am Mittwoch die Laderampe eines Kleinlasters auf den Kiesboden der KZ-Gedenkstätte Dachau. Die beiden Mitarbeiter des Logistikunternehmens, das sich selbst auf seiner Homepage als «Spediteur für sensible Transporte» bezeichnet, lösten die Halterungen ihrer erinnerungsschweren Fracht. Unter den Blicken des bayerischen Kultusministers Ludwig Spaenle (CSU) und des Stiftungsdirektors der Bayerischen Gedenkstätten, Karl Freller, hievten sie ein flaches Paket auf zwei Zimmermannsböcke und entfernten Wellpappe und Luftpolster, bis es endlich zu sehen war: das historische Tor des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau mit dem berüchtigten Schriftzug «Arbeit macht frei».

Eine lange Reise ging damit zu Ende. Im November 2014 von immer noch unbekannten Tätern gestohlen, im Dezember 2016 nach einem anonymen Anruf nahe der norwegischen Stadt Bergen entdeckt, kehrte das Dachauer Lagertor jetzt zu seinem Ursprungsort zurück. Starke Rostspuren an Griff und Metallstreben zeugen davon, dass es lange in Wind und Regen gelegen haben muss. Nun soll es mit Unterstützung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege konserviert werden - mitsamt der Schäden, die es im unfreiwilligen norwegischen Exil davongetragen hat. «Die Geschichte des Diebstahls gehört jetzt zur Geschichte des Tores dazu», sagte Karl Freller dem epd.

Über die Bedeutung des Lagertors herrschte bei seiner Rückkunft Einigkeit. «Das Tor stand und steht für die Erniedrigung der Menschen in der Diktatur des Nationalsozialismus», sagte Kultusminister Spaenle. Der «infame Raub» vor zwei Jahren sei «eine Attacke auf die Integrität der Gedenkstätte als Ort des Erinnerns» gewesen, die durch die Rückkehr «ein Stück weit geheilt» sei. Stiftungsdirektor Freller nannte das Tor ein «Beweismittel für das Denken der Nazis», die mit der Inschrift «Arbeit macht frei» die Wirklichkeit im Konzentrationslager auf zynische Weise verdrehten. «Denn das Gegenteil war der Fall: Tod durch Arbeit», sagte Freller.

Da es weiterhin keine Hinweise auf die Täter gebe, könne man über die Hintergründe des Diebstahls nur spekulieren, sagte KZ-Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann dem epd. Allerdings gebe es Parallelen zum Auftragsdiebstahl des Lagertors des KZ Auschwitz im Jahr 2009. «Deshalb kann man vermuten, dass das Tor nicht nur als Trophäe gestohlen wurde, sondern mit dem Ziel, die Erinnerungsarbeit der KZ-Gedenkstätte zu treffen.»

Jean-Michel Thomas, Präsident des Internationalen Dachau-Komitees, überbrachte den Wunsch der Angehörigen, dass die Ermittlungsarbeiten fortgesetzt werden. Die Diebe hätten zweifelsohne beabsichtigt, «ein Symbol verschwinden zu lassen».

Wenn dem so war, ist es gründlich schiefgegangen. Durch sein Verschwinden und Wiederauftauchen ist das Lagertor mehr im Gespräch, denn je - und mit ihm die verbrecherische Geschichte des Konzentrationslagers Dachau. Kultusminister Spaenle nannte es konsequent, dass das Tor nun nicht mehr am Originalplatz im Jourhaus, dem Eingangsgebäude des ehemaligen Konzentrationslagers, montiert werde. Stattdessen soll es ab 30. April in einer gesicherten Glasvitrine als Teil der Dauerausstellung an die NS-Zeit erinnern.

«Wir sind froh und dankbar, dass wir das Tor wiederhaben - jetzt lassen wir es nicht mehr aus den Augen», sagte Stiftungsdirektor Karl Freller.

Das Stichwort: Das Lagertor von Dachau

Dachau (epd). «Arbeit macht frei»: Dieser Schriftzug am Eingangstor des Konzentrationslagers Dachau verhöhnte Tag für Tag die Häftlinge auf dem Weg zu ihren Arbeitskommandos. Zwangsarbeit war eines der zentralen Mittel des NS-Terrors. 41.500 der insgesamt über 200.000 inhaftierten Menschen starben zwischen 1933 und 1945 im Konzentrationslager Dachau, die meisten von ihnen an den Folgen von Zwangsarbeit, Unterernährung, Krankheit und Folter.

Auch das Eingangstor selbst war das Ergebnis von Zwangsarbeit. Im Mai und Juni 1936 zwangen SS-Angehörige Häftlinge, das Jourhaus zu errichten. Es diente zugleich als Dienstgebäude der Lager-SS sowie als Ein- und Ausgang zum Konzentrationslager. Der Durchgang war durch ein zwei Meter hohes, ein Meter breites und rund 100 Kilogramm schweres Tor verschlossen. Auch dieses Tor mussten die Häftlinge selbst schmieden. Der politische Häftling Karl Röder musste auf Befehl der SS die Inschrift «Arbeit macht frei» anfertigen. Sie wurde nach Kriegsende entfernt und nach Errichtung der Gedenkstätte im Jahr 1965 durch eine Rekonstruktion ersetzt.

In der Nacht zum 2. November 2014 wurde das Lagertor gestohlen.
Nach Angaben der Gedenkstätte war das der erste und zugleich schwerste Angriff auf den historischen Gebäudebestand des ehemaligen Konzentrationslagers. Erst nach einem anonymen Hinweis tauchte das Tor im Dezember 2016 wieder auf: auf einem Parkplatz nahe der norwegischen Stadt Bergen. Dort lag es offenbar schon längere Zeit unter Plastikplanen im Freien: Der Türgriff und mehrere Metallstreben waren verrostet.

Von den Tätern fehlt noch immer jede Spur, auch die Identität des anonymen Anrufers ist nach wie vor unbekannt. Die norwegische Polizei hat die Ermittlungen eingestellt. Für die bayerische Polizei hingegen bleibt die Akte offen: Man hoffe darauf, dass die DNA aus Hautfetzen, die nach dem Diebstahl am Seitentor sichergestellt worden waren, noch zu einer brauchbaren Spur führten, heißt es in Zeitungsberichten.

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