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Reden oder zuhören? Anpacken oder abwarten? Nicht immer ist klar, was gerade die richtige Reaktion auf das Leben ist. Allerdings bekommen die Macherinnen und Macher in unserer Gesellschaft mehr Anerkennung als die Zauderer. Diese Einschätzung stellt Jesus in der Geschichte von Maria und Marta in Frage: Das Abwarten, Zuhören, Reifenlassen und Verstehen hat seinen eigenen Wert – und sollte im besten Fall vor dem Handeln kommen. Foto: Starpics
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Markus Sorg (51) ist Studierendenpfarrer der ESG Bochum und Vorsitzender der Studierendenpfarrkonferenz Westfalen.

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In Ruhe reifen lassen

Andacht

Von Markus Sorg | 26. Februar 2017

Über den Predigttext zum Sonntag Estomihi: Lukas 10, 38-42

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Reden oder zuhören? Anpacken oder abwarten? Nicht immer ist klar, was gerade die richtige Reaktion auf das Leben ist. Allerdings bekommen die Macherinnen und Macher in unserer Gesellschaft mehr Anerkennung als die Zauderer. Diese Einschätzung stellt Jesus in der Geschichte von Maria und Marta in Frage: Das Abwarten, Zuhören, Reifenlassen und Verstehen hat seinen eigenen Wert – und sollte im besten Fall vor dem Handeln kommen. Foto: Starpics
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Markus Sorg (51) ist Studierendenpfarrer der ESG Bochum und Vorsitzender der Studierendenpfarrkonferenz Westfalen.

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Predigttext
Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria; die setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll! Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Die Geschichte von Marta, ihrer Schwester Maria und Jesus ist ein Lehrstück über Persönlichkeit, Beziehung und innere Haltung. Sie formuliert die bedeutende Frage nach dem „guten Teil“, nach dem, was wirklich wichtig ist.
Aber bietet sie auch eine Antwort?
Jesus ist zu Gast in einem Haus. Die beiden Bewohnerinnen reagieren auf ihre eigene Weise. Die Eine setzt sich zu ihm und hört zu. Die Andere eilt hin und her und tut alles, um es den beiden angenehm zu machen. Beide wollen etwas Gutes. Sie tun das, was ihrer Persönlichkeit entspringt, in bester Absicht. Unterschiedlicher aber könnten beide Verhaltensweisen nicht sein. Hier die Ruhe, dort die Bewegung. Hier das Hören, dort das Tun. Hier die Empathie, dort die Leistung. Diese Unterschiedlichkeit produziert ein Ungleichgewicht. Marta, die Umtriebige, hat das Gefühl, allein gelassen zu werden. Sie fühlt sich nicht gesehen und begehrt auf; möchte, dass ihre Schwester mithilft. Sie soll sich ebenso engagieren, in Arbeit, Organisieren und Dienen. Dafür soll Jesus sorgen, ein Machtwort sprechen.
Aber tut er das?

Maria und Marta als Sinnbilder

Marta und Maria, zwei ungleiche Schwestern. Sie stehen für mich als Sinnbilder dafür, mit welch unterschiedlicher innerer Haltung wir Menschen auf Situationen reagieren. Je nach Gabe, nach Talent, nach innerer Prägung. Ich sehe Marta und Maria nicht als getrennte Personen, sondern als Persönlichkeitsanteile. In meiner Arbeit als Studierendenpfarrer kenne ich beide Momente: das Zuhören und Begleiten der Maria und das Organisieren und Machen der Marta. Jeden Tag stellt sich mir die Frage: Was ist gerade das „gute Teil“?
Ich erlebe unsere Gesellschaft als zutiefst narzisstisch. Leistungsdruck und Vergleichsdenken, Konkurrenz, Effizienz und Profit machen auch vor einer Hochschule nicht Halt. G8 an den Schulen und der Studienreformprozess an den Hochschulen scheinen aus meiner Sicht die Persönlichkeit Marta zu favorisieren: Gewollt und gebraucht werden Menschen, die schnell entscheiden und lösungsorientiert ihre Kompetenzen einbringen. Die sich in ihren Bereichen mit aller Kraft engagieren. Die bereit sind, Opfer zu bringen. Schnell durch die Schule, schnell durch das Studium, schnell in den Beruf. Gesellschaftliche Vorbilder sind meistens diejenigen, die sich für alle sichtbar auf dem Altar der Ansprüche opfern und Raubbau an sich selber oder der Gesellschaft betreiben: immer noch mehr Arbeit, immer noch mehr Dienst, immer noch mehr Profit.
Ich vermisse die Persönlichkeit Maria. Den Moment der Ruhe. Das Zuhören und Verstehen. Das Reifen und Werden. Das Sich-Zeit-Nehmen. Konfliktmanagementtechniken wie die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach M. Rosenberg oder die Mediation setzen ganz bewusst auf die Persönlichkeit Maria. Sie setzen auf das aktive Zuhören, denn nur im Zuhören entstehen Verstehen und ein neues, nachhaltiges Miteinander.

Nur im Zuhören entsteht Verstehen

Die Macherin Marta wünscht sich ein Machtwort von Jesus. Er soll Maria dazu bringen, so zu sein wie Marta: zupackend, aufopferungsvoll, dienend. Er aber spricht dieses Machtwort nicht. Er würdigt Martas Engagement durchaus. Er erkennt, dass sie ist wie sie ist, und sieht, dass sie „viel Sorge und Mühe“ hat. Zupacken zu können ist auch ein Talent. Aber er hält dem entgegen, dass Maria „das gute Teil erwählt“ hat. Zuhören, Zugewandtheit, Respekt. Denn nur im Zuhören entstehen Verstehen und ein neues nachhaltiges Miteinander.
Ich möchte Marta und Maria nicht voneinander trennen und gegeneinander ausspielen. Im Idealfall sind beide gleichrangige Teile unserer Persönlichkeit, gleichsam ein inneres Team. Im Idealfall können wir auf die Frage, was der „gute Teil“ ist, vielleicht so antworten: Zuhören, Verstehen, Handeln.
In der Reihenfolge.

Gebet: Gütiger Gott, unsere Welt ist schnell und hektisch. Oft verlieren wir uns im Schneller, Höher und Weiter. Schenke uns das Bewusstsein um die Momente der Ruhe, der Atempause, des Zuhörens und Verstehens. Diese Momente offenbaren das Wesen deiner Liebe. Dann bist du uns nah. Amen.

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