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Warum nicht einmal für kurze Zeit ausprobieren, was man auf Dauer sonst vielleicht nicht hinbekommt? Auch dazu kann die Fastenzeit gut sein. Foto: Photophonie
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Einfach mal probieren

Fasten

Aus der Printausgabe - UK 09 / 2017

Von Anke von Legat | 1. März 2017

Viele Christinnen und Christen verzichten in der Passionszeit auf Fleisch oder Alkohol. Die „7 Wochen ohne“ bieten die Möglichkeit, ein anderes Leben auszuprobieren

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Warum nicht einmal für kurze Zeit ausprobieren, was man auf Dauer sonst vielleicht nicht hinbekommt? Auch dazu kann die Fastenzeit gut sein. Foto: Photophonie

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Jedes Jahr am Aschermittwoch wird bei uns die Küche umgestellt. Sieben Wochen lang gibt es kein Fleisch auf unserem Tisch und, je nach persönlicher Entscheidung, auch keinen Alkohol und keine Süßigkeiten. Damit befolgen wir in der Familie die alte christliche Tradition des Fastens in der Passionszeit.

Allerdings: Mit dem Leiden und Sterben Jesu hat dieser Verzicht zunächst mal nichts zu tun. Weder empfinde ich sein Leiden nach, indem ich mir einen Genuss versage, noch spare ich Zeit, die ich ins Bibellesen oder Meditieren investieren könnte. Welchen Sinn hat das Fasten dann eigentlich heute noch?

Meine persönliche Antwort lautet: Ich versuche, in dieser Zeit wenigstens an einem Punkt ein anderer, ein – ja – besserer Mensch zu sein. Denn eigentlich finde ich es falsch, dass für meinen Genuss Tiere leiden und sterben müssen. Schweine und Rinder sind Geschöpfe Gottes, für die das Gleiche gilt wie für mich: Sie haben ein Recht auf Leben, und zwar auf ein möglichst leid- und gewaltfreies Leben. Ich bin nicht darauf angewiesen, sie zu töten, um selbst überleben zu können – also gibt es keine Rechtfertigung dafür, dass ich Fleisch esse.

Trotzdem tue ich es. Ich blende die unangenehmen Gedanken an Massentierhaltung und Schlachthöfe aus und lege mir meine Wurst aufs Brot. Weil es mir schmeckt, und weil es bequem ist. Ich lebe so gegen meine eigentliche Überzeugung, obwohl ich weiß, dass es anders besser wäre.

Darum ist der Beginn der Fastenzeit seit einigen Jahren für mich jedes Mal ein neuer Versuch, Theorie und Praxis doch in Einklang zu bringen. Meine Erfahrung zeigt: Es ist ein gutes Gefühl, an einem Punkt konsequent zu sein, an dem ich es sonst meist nicht bin. Und so unbedeutend dieser Punkt auch sein mag: Dadurch, dass ich mit Gewohnheiten breche, öffnet sich mir ein neuer Blick. Dadurch, dass ich anders denken und handeln muss als sonst, bekomme ich eine neue Aufmerksamkeit für Dinge, die ich sonst leicht übersehe. Nicht nur beim Essen, sondern auch im Umgang mit mir selbst, mit anderen, mit Gottes Schöpfung.

Eine Zeit lang die Dinge mit anderen Augen sehen. Einen Schritt zurücktreten, um eine neue Perspektive zu bekommen. In Fleisch und Blut übergegangene Verhaltensweisen in Frage stellen. Eine andere – vielleicht bessere – Form des Lebens ausprobieren. Nicht, um sich selbst zu optimieren, wie es zur Zeit überall erwartet wird. Sondern um dem Leben, das Gott sich für uns Menschen vorstellt, so nah wie möglich zu kommen. Das kann ein Sinn des Verzichts in der Fastenzeit sein.

Ich jedenfalls werde auch diesmal wieder versuchen, für sieben Wochen als Vegetarierin zu leben. Und vielleicht bleibe ich ja diesmal dabei, auch über Ostern hinaus. Vielleicht gelingt es mir diesmal, für länger auf Fleisch zu verzichten – oder sogar für immer? Versuchen kann man es ja.

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Leser-Kommentare öffnen

Kahle-Flemming, 4. März 2017, 15:59 Uhr


"Ich habs versucht." Was ist dabei herausgekommen? "Es ist misslungen". Allein der Begriff "versuchen" enthält das Scheitern, jedenfalls in der Alltagssprache. Und wenn Frau von Legat - deren Kommentare ich im Übrigen außerordentlich schätze - ihren Artikel so beendet, dann wissen wir, wie es enden wird.
Aber es ist schön, dass sie für sieben Wochen das tut, was andere, ohne Aufhebens und ohne sich für bessere Menschen zu halten, Jahre oder Jahrzehnte lang tagein tagaus tun.
Ich wünsche ihr gleichwohl, dass der Versuch endlich gelingt.
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Adeodata, 6. März 2017, 12:00 Uhr


Was hätte der menschliche Anteil in Jesus ihm wohl gesagt, würde er vorher gewußt haben, welchen Herausforderungen er sich über die in der Bibel für uns festgelegten 40 Tage stellen muß?
Und wer von uns hat sich nicht schon einmal in einer durch Mitmenschen intervenierten oder uns selbst herbeigeführten Situation wiedergefunden, deren unabsehbare Herausforderungen Zweifel an der eigenen Stärke aufkommen ließ, deren Erfolg letztendlich durch eigenes oder fremdes Schulterklopfen gekrönt wurde?
Doch um Gottes Geist und Stärke in voller Kraft zu spüren, bedarf es keiner großer, unsere eigene kleine Welt bewegenden verzweifelnden Kämpfe für unsere Zukunft. Die Fastenzeit ist überschaubar; das Problem ist der übergroße Anteil Mensch in uns: "Das schaffe ich doch niemals!"
Sollte der "Versuch des Verzichts" in der Fastenzeit tatsächlich eine sich selbst erfüllende Prophezeiung des Scheiterns sein? Fordert dies nicht heraus, einen möglichst "schmerzfreien" Versuch zu starten?
Nein, liebe Mitchristen! Bedenkt, daß jede einzelne ausgeschlagene Verführung die Stärke und Kraft des eigenen Geistes tatsächlich macht.
Scheitert ein Versuch, so versucht neu, jeder Sonnenaufgang ist eine neue Chance. Ein jeder ist dafür qualifiziert. Und, seid Ihr im Moment aus seelischen oder körperlichen Gründen dazu nur schwer oder gar nicht in der Lage, so dürft Ihr selbstverständlich Eure persönliche Fastenzeit verschieben. Nicht der ist der Stärkere, bei dem keine Verführungen vor ihm auf dem Tisch liegen, sondern der, der sie vor sich liegen hat und denkt: "Ich könnte.... aber ich will nicht!"
Diese Erfahrung ist jeden Versuch wert!


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Alwite, 6. März 2017, 12:18 Uhr


Die Parabel vom Magen und den Gliedern
Als im Rahmen der Ständekämpfe die Plebejer 494 v. Chr. aus der Stadt auf den Aventin oder den Mons Sacer zogen, um gegen ihre ungerechte Behandlung durch die Patrizier zu protestieren, schickte der Senat Agrippa aus, um sie zu überzeugen, wieder zurückzukehren. Dies soll ihm nach Livius gelungen sein, indem er ihnen eine Parabel vortrug: Danach hätten die Glieder des Körpers ihre Tätigkeit eingestellt, um nicht immer nur dem faulen Magen dienen zu müssen. Dadurch hätten sie sich aber selbst geschwächt und so eingesehen, dass in einem gegliederten Ganzen wie dem Körper oder eben dem Staat jeder Teil eine für das Ganze sinnvolle Funktion ausüben. Dies hätten die Plebejer eingesehen und ihre Sezession beendet.

Diese Geschichte wird von der althistorischen Forschung als Legende aus späterer Zeit angesehen. Nach dem britischen Althistoriker A. Drummond stammt sie nicht aus römischen, sondern aus griechischen literarischen oder philosophischen Quellen. In Wahrheit brachen die Plebejer ihren Streik ab, weil die Patrizier ihnen zugestanden hatten, jährlich zwei eigene Magistrate zu wählen, die Volkstribune, die ein Interzessionsrecht gegen alle Entscheidungen des Senats und der übrigen Magistrate haben sollten.

Die Fabel wurde breit rezipiert. Dietmar Peil fand in der Literatur mehr als 150 Versionen, Varianten, Bearbeitungen und Zitate dieser Fabel, die sich in Ausgang und Deutung unterscheiden und teils im Zusammenhang mit Menenius Agrippa, teils auch ohne diesen gebracht werden.

Geht es uns wie in dieser Fabel, nicht mit allem so?

Wir lesen einen Aritikel, doch für jedem von uns schält sich eine Wichtigkeit heraus, die sich dem Anderen überhaupt nicht erschliesst. Falsch oder richtig? Keines von beiden - nur ANDERS:-)

Allen eine gute Woche mit einem mindestens 150-fachen Verständnis ohne jede Abwertung für unsere wunderbare Vielfalt.
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Erika Moers, 6. März 2017, 17:46 Uhr


Wie gut. Wie einfach, liebe Alwite:
„Falsch oder richtig? Keines von beiden - nur ANDERS:-)“
Ein großartiger DenkAnstoß für uns Alle, und ich leihe mir dazu eine Zeile von Christian Morgenstern:
"Möcht ich immer mehr des inne werden"
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Alwite, 16. März 2017, 10:39 Uhr


Alles was wir sehen und anfassen verändert sich ständig, unser Höheres Selbst dagegen nie. Es ist und bleibt die Brücke zwischen Seele und Verstand:-)
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