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Typische Buchrücken Foto: Adrian Michael/Wikipedia
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Der Schriftsteller Karl May (Foto um 1910) Foto: epd

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„Old Shatterhand bin ich“

Karl May

Aus der Printausgabe - UK 08 / 2017

Von Holger Spierig | 21. Februar 2017

Sein Aufstieg zu Ruhm und Reichtum war so fantastisch wie seine Abenteuergeschichten. Am Lebensende holte seine Vergangenheit den Erfolgsautor jedoch ein. Vor 175 Jahren wurde Karl May geboren

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Typische Buchrücken Foto: Adrian Michael/Wikipedia
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Der Schriftsteller Karl May (Foto um 1910) Foto: epd

Im Juli 1897 legt der Ansturm Tausender Fans vor einem Hotel in München den Verkehr lahm. Polizei und Feuerwehr müssen einschreiten. Der Hype gilt dem Vortrag des erfolgreichen „Reiseschriftstellers“ Karl May. Im Hotelsaal brüstet sich der Autor, dass er angeblich rund 1200 Sprachen und Dialekte spreche und als Nachfolger Winnetous nun Befehlshaber von 35 000 Apachenkriegern sei.

Karl May, geboren vor 175 Jahren am 25. Februar 1842 in Ernstthal bei Chemnitz, war ein Popstar der Abenteuerliteratur. Sein Werk und seine Person inszeniert er in einem Gesamtkunstwerk. „Ich bin wirklich Old Shatterhand respektive Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle“, versicherte der sächsische Schriftsteller, der sich aus bitterer Armut und Zuchthaus zu Wohlstand hochgearbeitet hatte. Lange vor den Möglichkeiten von Facebook und Twitter verschickte der Schöpfer von Winnetou Autogrammkarten, auf denen er als „Old Shatterhand“ und „Kara Ben Nemsi“ posierte.

Zu seinen Verehrern gehören Schriftsteller wie Hermann Hesse, Martin Walser oder der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Kritiker wie der Autor Klaus Mann hingegen sahen Mays Werk als „fragwürdiges Labyrinth eines krankhaften und infantilen Hirns“.

Karl May war das fünfte von 14 Kindern

Geboren wird Karl May am 25. Februar 1842 als fünftes von 14 Kindern einer Weberfamilie im heutigen Hohenstein-Ernstthal in Sachsen. Neun seiner Geschwister sterben bereits kurz nach ihrer Geburt.

Wegen geringer Verfehlungen – wie dem nie ganz geklärten Ausleihen einer Uhr bei seinem Zimmergenossen – ist der Berufsweg des Volksschullehrers schon früh zu Ende. Aus „Rache an der Gesellschaft“, wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt, schlägt May daraufhin zunächst eine Laufbahn als Hochstapler ein. Die Ausbeute ist gering, seine Betrügereien sind jedoch mit viel Phantasie inszeniert: Mal lässt er sich als „Augenarzt Dr. Heilig“ teure Pelzmäntel liefern oder „konfisziert“ als Polizist angebliches Falschgeld.

Fast acht Jahre lang verbringt May in Gefängnissen. Als er zuletzt mit 32 Jahren entlassen wird, hat er den Masterplan seines Erfolges in der Tasche: Eine Liste mit 137 geplanten Erzählungen.

Jahrelang schreibt May wie im Wahn, immer in gestochen klarer Handschrift ohne Korrekturen – in manchem Jahr produziert die Ein-Mann-Abenteuer-Fabrik fast 3800 Manuskriptseiten. Seine „Alter Egos“ sind bärenstark, haben einen riesigen Wissensschatz und verfügen über überragende Fähigkeiten als Reiter, Arzt oder Fährtensucher.

Der May-Biograph Helmut Schmiedt sieht für Mays späteren Erfolg als Schriftsteller die gleiche Triebfeder wie für sein Vorleben als Kleinkrimineller: eine überbordende Phantasie. „Bei Lichte betrachtet, erschreibt und inszeniert sich hier ein Mensch, der aus jämmerlichen Verhältnissen stammt und dem im Leben zunächst vieles danebengegangen ist, eine Traumexistenz, mit der alles zum Besseren hin korrigiert wird“, schreibt Schmiedt in der Biographie „Karl May oder die Macht der Phantasie“.

Seine Beschreibungen „klaute“ er aus Büchern

Im Jahr 1881 lässt der Schriftsteller sein unerschrockenes anderes Ich, die Figur Kara Ben Nemsi, mit seinem getreuen Begleiter Hadschi Halef Omar in der katholischen Zeitschrift „Deutscher Hausschatz“ erstmals durch die Wüste streifen. Old Shatterhand und sein Blutsbruder Winnetou sorgen wenige Jahre später im Wilden Westen für Gerechtigkeit. Seine Bücher werden ein Riesenerfolg und ermöglichen dem Vielschreiber ein Leben im Wohlstand: Mit seiner ersten Frau Emma bezieht er eine eigene Villa in Radebeul, die Villa Shatterhand, das heutige Karl-May-Museum. Amerika und den Orient sollte May erst später als Tourist besuchen. Für seine detaillierten Beschreibungen ferner Länder stützt er sich auf seine reichhaltige Bibliothek.

Im Laufe seines Lebens reifen seine pazifistischen Ansichten und seine tolerante Religionsauffassung. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Kriegsbegeisterung um sich greift, veröffentlicht May Werke wie „Und Frieden auf Erden“.   

Der Protestant May, der auch für die katholische Marienverehrung Sympathien hegt, lässt seine Helden für ein allgemeines Christentum und ein tolerantes Verhältnis der Religionen Partei ergreifen. Als May später vorgeworfen wird, er habe als evangelischer Christ katholische Leser getäuscht, entgegnet er ganz im ökumenischen Geiste: „Ich bin Christ, einfach Christ, weiter nichts!“

Weltweite Auflage seiner Werke: 200 Millionen

Gegen Ende seines Lebens aber fällt das Kartenhaus des Erfolgsautors zusammen: Es kommt heraus, dass May seine Abenteuer gar nicht selbst erlebt hat – die Leser sind entrüstet. Dann wird auch noch seine Vergangenheit als verurteilter Kleinkrimineller publik und sein Doktortitel stellt sich als Schwindel heraus.In seinen letzten zehn Lebensjahren ist Karl May in 200 Prozesse verstrickt, deren Ende er nicht mehr erlebt. Er stirbt im Alter von 70 Jahren in der Villa Shatterhand bei seiner zweiten Frau Klara – offenbar an einer Bleivergiftung, wie jüngere Untersuchungen des Skeletts ergeben haben.

Bis heute leben Mays Helden in seinen mehr als 90 Büchern, in Filmen und auf Freilichtbühnen fort. Die weltweite Auflage seiner Werke wird auf 200 Millionen geschätzt – 100 Millionen davon allein in Deutschland.

Bücher:

Helmut Schmiedt: Karl May oder die Macht der Phantasie. C.H. Beck Verlag, 368 Seiten, 22,95 Euro (nur noch antiquarisch oder als E-Book erhältlich).

Christoph F. Lorenz (Hrsg.): Zwischen Himmel und Hölle – Karl May und die Religion. Karl May Verlag, 544 Seiten, 19,90 Euro.

Holger Kuße (Hrsg.): Karl Mays Friedenswege – Sein Werk zwischen Völkerstereotyp und Pazifismus. Karl May Verlag, 640 Seiten, 24,90 Euro.

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