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Kritik hören, das fällt nicht leicht. Deshalb sollte man es unbedingt trainieren. Das gilt umso mehr, je mehr Macht jemand hat. Foto: Photophonie
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Die beleidigte Majestät

Seelsorge

Aus der Printausgabe - UK 08 / 2017

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 20. Februar 2017

Wir regen uns über Schmähgedichte und religiöse Karikaturen auf. Lohnend ist der tiefere Blick: Warum ärgern sich Menschen überhaupt, wenn sie kritisiert werden?

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Kritik hören, das fällt nicht leicht. Deshalb sollte man es unbedingt trainieren. Das gilt umso mehr, je mehr Macht jemand hat. Foto: Photophonie

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„Was darf Satire? Alles.“ Dieser berühmte Satz von Kurt Tucholsky wird derzeit wieder hervorgeholt und neu diskutiert.

Ob Mohammed-Karikaturen, eine nackte Frau als Jesus-Darstellerin am Kreuz, Jan Böhmermanns Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan oder das Titelbild eines deutschen Nachrichtenmagazins, das Donald Trump mit dem abgeschlagenen Haupt der Freiheitsstatue in den Händen zeigt – oft genug regt sich da ein unmittelbares Befremden, ein Widerwille, wenn sich jemand auf „Satire“ beruft. Manchmal auch Ekel und Empörung.

Ohne hier auf den Einzelfall einzugehen, eines muss festgehalten werden: Satire ist wichtig. Sie lebt von der Grenzverletzung. Sie darf – und oft genug muss sie es – schmerzhaft sein. Um auf etwas hinzuweisen, was nicht übersehen werden darf. Mit einem Zaunpfahl. Mit einem ganzen Zirkus voll greller Blinklichter. Um aufzurütteln, wo man sich nicht abfinden darf.

Darf Satire also alles? Jedenfalls ist sie kein Freibrief für blindes Herumwüten. Wer sich auf „Satire“ beruft, muss auch bereit sein, die anschließende Diskussion auszuhalten. Notfalls vor Gericht.

Interessant ist der Blick von der anderen Seite: Wer regt sich denn über Satire auf? Schaut man genauer hin, zeichnet sich ein Muster ab. Erdogan. Putin. Orban. Trump. Lukaschenko in Weißrussland. Mugabe in Simbabwe. Die Liste ließe sich lang, sehr lang fortsetzen. Aber schon hier erkennt man das Muster: Die Unfähigkeit, Satire zu ertragen, scheint geradezu ein Merkmal für Despoten zu sein.
Daraus kann man einen Grundsatz ableiten: Werde misstrauisch, wenn jemand keine Kritik verträgt. Ob in der Nachbarschaft. Der Familie. Im Freundeskreis. Im Stadtrat. Oder in einer Kirchenleitung.

Denn dahinter kann man stets eine tief sitzende Angst vermuten. Die Angst, man könne bei den anderen nicht groß genug herauskommen.

So eine Angst ist gefährlich. Und zwar umso gefährlicher, je mehr Macht jemand hat. Diese Angst schränkt den Blick ein. Trübt das Urteilsvermögen.

Bemerkenswert ist ein Ansatz in der Bibel. Im Markus-Evangelium sagt Jesus: „Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein.“ (Markus 10, 43). Das stellt die Dinge auf den Kopf: Man muss gar nicht versuchen, sich groß zu machen. Im Gegenteil: Wer leiten will, muss dienen.
Also: Locker bleiben. Im wahrsten Wortsinn Souverän sein.

Dazu zählt auf jeden Fall: Kritik zulassen. Mehr noch: Wer leitet, muss Kritik regelrecht einfordern. Ernsthaft darauf hören. Sie bedenken. Und gegebenenfalls auch annehmen und versuchen, sie umzusetzen.

Das bedeutet nicht, dass man sich automatisch mit Beleidigungen abfinden müsste. Aber ganz ehrlich: Statt immer gleich wegen vermeintlicher „Majestätsbeleidigung“ einzuschnappen, wäre es hilfreich, sich wenigstens versuchsweise mal mit den Augen der Anderen zu sehen. Denn dort beginnt das Verstehen.

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 20. Februar 2017, 17:20 Uhr


Die Unfähigkeit, Satire zu ertragen, scheint geradezu ein Merkmal für Despoten zu sein.
Daraus kann man einen Grundsatz ableiten

Sehr schön geschrieben, Gerd Höffchen! Nun leben wir in einer Welt, die Despoten geradezu begünstigt. siehe Trump. Und in dieser Welt kann die vermeintliche Majestätsbeleidigung höchst gefährlich sein. So sind denn auch Passagen aus Böhmermanns geistigen Ergüssen verboten worden.

Der Leviathan ist nicht so leicht zu besiegen, wie, zwar liebenswerte, Gutmenschen sich das vorstellen.
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Atlantica, 20. Februar 2017, 17:31 Uhr


Und die Vorstellung, dass die da oben ihre Macht missbrauchen, ist eher sozialistisch als christlich. Paulus glaubte noch an die gottgewollte Autorität. Neulich habe ich gelesen, Otto von Bismarck habe an der Tür seines Amtszimmers ein Schild gehabt: Jesus Christus hat hier keinen Zutritt. Damals war Macht noch hinreichend als Begründungslogik allen Handelns. Selbst Gott hatte sich DORT nicht einzumischen. Verrückt eigentlich. Aber der politische Wille zur Macht wurde von Max Weber, dem einflussreichsten deutschen Soziologen des 20. Jahrhunderts, theoretisch untermauert und noch bei Helmut Schmidt findet sich der Satz: Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen. Das, lieber Herr Höffchen, soll jetzt also alles vorbei sein? Das allwissende Volk soll von unten aus eine demokratische und gleichzeitig christliche Politik organisieren?

Was ist mit der richtigen Mitte und dem guten Umgang mit Macht? Nur sie sollten Leitbild sein. Im Umgang mit Trump fand ich Angela Merkel erstaunlich souverän.
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