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Eintauchen statt schlucken: Immer öfter ist diese Art des Abendmahls („Intinctio“) zu sehen. Foto: epd

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Lass den Kelch vorübergehen

Gesundheit

Aus der Printausgabe - UK 05 / 2017

Von Gerd-Matthias Hoeffchen | 28. Januar 2017

Weihnachten ist vorbei, jetzt kommt die Grippe in die Kirche: Viren lauern überall. Tipps, wie man gesund bleibt – auch bei Abendmahl, Hände schütteln und Kollekte auszählen

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Eintauchen statt schlucken: Immer öfter ist diese Art des Abendmahls („Intinctio“) zu sehen. Foto: epd

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Abendmahl. Die Gemeinde versammelt sich am Tisch des Herrn. In die feierliche Stimmung mischt sich ein Räuspern hier, ein Husten dort. Und dann niest plötzlich auch noch jemand.

Winterzeit ist Virenzeit. Die winzigen Krankheitserreger lauern überall. Sie kleben an Türklinken, Geldstücken; verbreiten sich über Handkontakt und Atemluft. Sind sie erst mal in genügend großer Zahl im menschlichen Körper, sorgen sie dort für Grippe oder Magen-Darm-Erkrankungen.

Kein Wunder, wenn mancher Kirchgänger sich fragt, ob er in diesen Wochen zum Abendmahl gehen soll. Dutzende von Menschen stehen da eng beieinander, trinken aus demselben Kelch, fassen einander an den Händen. Das wirkt wie eine Einladung zur Party für die Viren: He, kommt her zu mir alle! Ich will euch erquicken.

Regeln beachten, dann droht keine Gefahr

Tatsächlich ist die Ansteckungsgefahr aber gering – wenn sich alle an die Regeln halten: Im Kelch sollte Wein für nur zehn Personen sein, dann wird ein neuer Kelch genommen. Nach jedem Schluck wird der Kelch weitergedreht, nach fünf Personen der Rand mit einem Tuch desinfiziert.

Ganz wichtig: Helfer und Pfarrer sollten sich vor dem Austeilen des Abendmahls die Hände waschen – und anschließend nicht mehr hineinhusten oder niesen.
Das gilt auch für alle anderen. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt ganz grundsätzlich: Möglichst nicht ins Gesicht fassen (zum Beispiel gedankenverloren auf dem Fingernagel herumkauen). Gründlich Hände waschen; regelmäßig, vor allem vor dem Essen. Seife mindestens 20 Sekunden einreiben, auch zwischen den Fingern. Zur Not gibt es Desinfektions-Gels für zwischendurch.

Wer dennoch beim Abendmahl hygienische Bedenken hat, kann auf die „Intinctio“ zurückgreifen (lateinisch für „eintauchen“). Diese Form des Abendmahls ist spätestens seit 2009 bekannt. Damals sorgte die Vogelgrippe für Schlagzeilen. Die Kirchen gaben Ratschläge zur Minderung des Ansteckungs-Risikos heraus. Bei der Intinctio wird das Brot (Oblate) in den Wein getaucht und erst dann gegessen. Das Trinken aus dem Kelch entfällt.

Ebenfalls möglich, wenn auch selten anzutreffen, ist, den Wein in kleinen Einzelkelchen zu reichen („Pinnchen“).

Während mittlerweile wohl niemand mehr für die Intinctio schief angesehen wird, tut man sich beim Handschlag schwerer. „Gebt einander ein Zeichen des Friedens“, heißt es von der Pfarrerin oder vom Pfarrer, der Banknachbar streckt die Hand aus, gute Bekannte wollen einen umarmen – und dann soll man sich verweigern?
Was tun?

Locker bleiben. Ob Friedensgruß, Händeschütteln am Ausgang oder für Presbyterinnen und Presbyter auch das Geldzählen der Kollekte: Durch Handkontakt allein wird niemand krank. Hände anschließend gründlich säubern – dann sollte alles im Lot bleiben.

Man kann den Kelch beim Abendmahl übrigens auch ganz an sich vorübergehen lassen; etwa, wenn man bereits Husten oder Schnupfen hat. Ein kurzes Kopfschütteln wird von den Austeilenden erkannt und akzeptiert.

Und zur Beruhigung: Auch davon hängt unser Heil nicht ab.

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Leser-Kommentare öffnen

bga, 28. Januar 2017, 2:14 Uhr


"... kommt her zu mir alle! Ich will euch erquicken". Ist, wie man weiss, nicht ein Viren-Wort, sondern ein Schriftzitat. Ich halte es fuer unangemessen, ein so bekanntes Jesus-Wort so zu missbrauchen. Geschmacksache? Vielleicht. Ich stolpere jedenfalls darüber. Ansonsten hilfreiche Hinweise. Es ist Zeit, das Trinken aus dem Gemeinschaftskelch zu verbieten. Wichtiger aber ist, das Abendmahl von falscher Steifheit zu befreien, es also fröhlich zu feiern.
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Ulrich Keßler, 28. Januar 2017, 9:51 Uhr


Genau. Einfach fröhlich feiern: "Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward...". - Abgesehen davon:
Wenn man "bereits Husten oder Schnupfen hat", sollte man besser
erst gar nicht nach vorne zum Abendmahl gehen! Und wenn man schon verhustet oder verschnupft am Gottesdienst teilnimmt, dann sollte man sich separat und möglichst weit nach hinten setzen. Eine Husten- bzw. Schnupfattacke während der Predigt (oder eines Gebets) ist nicht gerade "sozialverträglich". Man kann auch mal, aus purer Nächstenliebe, einen Gottesdienst am Fernseher/Radio mitfeiern...
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Matthäus53, 28. Januar 2017, 14:30 Uhr


Kleine ängstliche Spatzen gibt es viele. So wird es auch immer Ängstliche unter uns Christen geben. Ich glaube auch, daß sicherlich beim Abendmahl Viren dabei sind ( ähnlich NSA) aber die können im gesamten Alltagsleben nicht gänzlich vermieden werden. Ich glaube auch, daß die meisten Menschen genügend eigene Abwehrstoffe besitzen, die sich auch mal einsetzen wollen, um den Kirchgang unseres "Körpers" an den Tisch des Herrn zu begleiten und zu beschützen.
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Ulrich Keßler, 28. Januar 2017, 14:43 Uhr


Lieber Matthäus53, das ist keine Frage ängstlicher Spatzen.
Wir hatten vor vielen Jahren in unserer Gemeinde einen Presbyter, der sehr schwer herzkrank war und für den Viren lebensgefährlich waren. Und wenn jemand z.B. chronische Bronchitis hat, dann ist mit Viren ebenfalls nicht zu spaßen. Deshalb meine ich: Auch am "Tisch des Herrn" sollte man die Nächstenliebe nicht vergessen.

Matthäus53, 28. Januar 2017, 17:24 Uhr


Ich gehe davon aus, wenn jemand krank ist, er soviel Vorsicht an den Tag legt, daß er seinen Nachbarn nicht beeinträchtigen oder schädigen möchte.
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Schallblech, 28. Januar 2017, 15:49 Uhr


Es bleibt immer eine persönliche Entscheidung, ob man zum Abendmahl geht und ob man Kelch oder Intinctio bevorzugt.
Bei uns nehmen sich die Abendmahlshelfer vor dem Gottesdienst ein abgepacktes Desinfektionstüchlein mit an den Platz und wenden es erst direkt vor dem Abendmahl an (NACH dem Friedensgruß!)
Beim Intinctio ist zu bedenken, daß man vorher die Oblate in der Hand hält und dann mit all den Mikroben, die da dran sind, in den Wein tunkt.

Wer besonders empfindlich ist oder geschwächte Abwehrkräfte hat, kann sich so stellen, daß er oder sie als Erstes dran kommt. Als ich vor paar Jahren Chemobehandlung hatte, habe ich das praktiziert. Unsere Abendmahlshelfer wußten Bescheid und kamen immer zuerst zu mir. Ich hatte nie Bedenken dabei.

Und ein allgemeiner Tip gegen Ansteckung: Ich gurgel täglich morgens und abends mit einem Extrakt aus Salbei (Salvia) und Thymian (Thymol). Obwohl meine Leukos immer noch ziemlich zurückgeblieben sind, hatte ich seit Jahren keine schwere Erkältung mehr, selbst wenn der Rest der Familie rumkröchte.

Atlantica, 28. Januar 2017, 20:38 Uhr


Mikroben auf der Oblate, oh je, oh je, das habe ich ja noch nie gehört, Schallblech! Nun, so schlimm wird\'s doch nicht sein. Ich praktiziere die Intinctio, weil es die meisten tun, ich will keine Extrawurst. Aber vom Erlebnis her wäre mir ein Abendmahl mit Weißwein und gemeinsamen Kelchen überzeugender. Wie sind als Evangelische teils zu rational.
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Schallblech, 29. Januar 2017, 10:01 Uhr


Ok, sehr wahrscheinlich ist das mit den Mikroben nicht, wenn jemand nicht grade ausgesprochen feuchte Hände hat, aber ich kenne Leute, die wegen dieser Befürchtung lieber den Kelch nehmen.
Ich nehme grundsätzlich den Kelch, weil es nicht heißt "...und tunket alle ein" sondern "trinket alle daraus".
Bei uns wurde auch schonmal über Pinnchen nachgedacht, aber schnell wieder verworfen. Das erinnerte manche zu sehr an Schnapsrunde beim Schützenfest :D

Atlantica, 30. Januar 2017, 6:26 Uhr


Dann kann man die Intinctio vergessen! Danke für den HInweis: das hätte ich nicht gedacht, das ist für mich der Beweis, dass der Verstand (Hygiene) nicht immer leicht zum sinnvollen Ergebnis führt. Wenn die Keime von der Hand auf die Oblate und dann in die Flüssigkeit im Kelch übertragen werden können, macht die Intinctio keinen Sinn mehr.
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