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Sabrina de Vuono (45) aus Bremen hält einen kleinen Bronzeengel in ihren Händen, den sie schon seit mehreren Jahren als Glücksbringer trägt (Foto vom 15.12.14). Glücksbringer wie Kleeblätter, Kaminkehrer, Schutzengel und rosa Marzipanschweine haben gerade zum Jahreswechsel Konjunktur. Ein internationales Phänomen, sagen Wissenschaftler. Denn besonders auf der Schwelle zum Ungewissen sucht der Mensch Hilfe. Foto: epd/ Dieter Sell
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Sehnsucht nach Engeln

Engel

Von Dieter Sell | 5. Dezember 2016

Viele Menschen glauben an Engel. Dahinter steckt oft der Wunsch, Gott nahe zu sein - und eine Sehnsucht nach Geborgenheit.

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Sabrina de Vuono (45) aus Bremen hält einen kleinen Bronzeengel in ihren Händen, den sie schon seit mehreren Jahren als Glücksbringer trägt (Foto vom 15.12.14). Glücksbringer wie Kleeblätter, Kaminkehrer, Schutzengel und rosa Marzipanschweine haben gerade zum Jahreswechsel Konjunktur. Ein internationales Phänomen, sagen Wissenschaftler. Denn besonders auf der Schwelle zum Ungewissen sucht der Mensch Hilfe. Foto: epd/ Dieter Sell

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Bremen (epd). Der kleine Bronzeengel in der Vitrine des kirchlichen Informationszentrums neben dem Bremer Dom ist ein echter Kassenschlager. Besonders jetzt in der Adventszeit kommen immer wieder Kunden in den Laden und fragen nach dem Handschmeichler des ökumenischen Vereins «Andere Zeiten». «Er wird oft für einen Krankenhausbesuch gekauft», erzählt der Leiter des Zentrums, Pastor Hans-Jürgen Jung. «Und gerne für Täuflinge und Konfirmanden.»

Auch wenn viele Käufer darauf hoffen: Der Engel mit seinen segnenden Händen kann selbst nichts bewirken, wie Theologe Jung sagt:
«Aber er erinnert an die tröstende Zusage Gottes aus dem Psalm 91, gerade jetzt in den langen Winternächten: Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.»

Besonders zu Weihnachten haben Engeldarstellungen Hochkonjunktur:
Sie erinnern an die «himmlischen Heerscharen», die in der Weihnachtsgeschichte über die Geburt Jesu jubilieren.

In Bremen führt Engelexperte Ottmar Hinz vom Evangelischen Bildungswerk regelmäßig durch die Innenstadt, um staunenden Gruppen vom Engel-Reichtum der ansonsten eher spröden Hanseaten zu erzählen.
Im Straßenbild sind sie allgegenwärtig: Mal als ehrfurchtgebietende Sendboten oder süße Flügelgeister, als selige Musikanten oder gerüstete Heerscharen Gottes, mal männlich, mal weiblich, mal kindlich. Sogar auf der Gürtelschnalle des steinernen Roland neben dem historischen Rathaus findet sich ein lautespielender Engel.

«Viele Menschen, die mich dabei begleiten, haben das Gefühl, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt als das, was wir sehen», sagt Hinz. Einer Umfrage aus dem Jahr 2005 zufolge glauben 66 Prozent der Deutschen an Schutzengel, jedoch nur 64 Prozent an Gott.

Je weiter Gott in die Ferne rückt, desto näher scheinen die Engel.
«Vor allem der esoterische Engelglaube ist eine Herausforderung für die Kirchen», sagt die sächsische Pastorin Claudia Knepper. Sie hat für die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin Informationen über Engel zusammengetragen und ist überzeugt:
«Im Glauben an Engel kommt eine Sehnsucht nach Geborgenheit, nach bedingungsloser Liebe und Annahme, Heilung und Sinnstiftung zum Ausdruck.»

Wissenschaftler der Universität Köln haben in einer Studie
herausgefunden: Wer an Engel glaubt, dem helfen sie tatsächlich. «Sie stärken in erster Linie die Zuversicht in die eigene Leistung, aber auch die Überzeugung, dass schon alles gutgehen wird», sagt die Sozialpsychologin Lysann Damisch.

Der Theologe, Kulturwissenschaftler und Engelforscher Uwe Wolff aus dem südniedersächsischen Bad Salzdetfurth nennt Engel «Straßenarbeiter Gottes», die nah bei den Menschen sind. Engel, sagt der 61-Jährige, vermittelten als Boten Gottes zwischen Himmel und Erde. «Gerade in unserer Zeit sind sie gefragte Ansprechpartner, weil sie in allen monotheistischen Religionen vorkommen und deshalb zwischen den Kulturen vermitteln können.»

Seit fast 30 Jahren beschäftigt er sich mit dem Glauben an die körperlosen Wesen und hat dabei erfahren: «Vielen Menschen geht es darum, mit den Engeln Gott nah zu sein.» Engel seien Bilder für Gottes Wirken und Gegenwart. «Beispielsweise, wenn jemand nach dem Besuch im Krankenhaus geht und eine kleine Engelsfigur auf den Tisch legt mit den Worten: Der bleibt bei Ihnen.»

Wer an Engel glaubt, kennt Erschütterungen, meint Wolff. Der Glaube an Engel sei gleichzusetzen mit dem Glauben an die Kraft des Guten. Davon war schon der Reformator Martin Luther (1483-1546) vor
500 Jahren überzeugt, als er schrieb: «Wenn uns Gott nicht die lieben heiligen Engel zu Hütern gegeben hätte, welche wie eine Wagenburg um uns lagern, so wäre es bald mit uns aus.»

Doch längst werden mit Engeln auch Geschäfte gemacht. Bücher, Beratungen, Seminare, «Engelessenzen» für die Haut, Engelkarten für die Selbsterkenntnis, Engelmessen und -kongresse: Der Markt ist riesig. Dazu gehören Menschen, die sich dafür bezahlen lassen, dass sie vorgeblich «mit Engeln sprechen» und Botschaften übermitteln.
«Esoterischer Humbug, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen», ätzt Wolff und betont: «Engel sind immer umsonst. Und sie brauchen auch kein Medium, sie sind selber eins.»

Wer aufpasst, kann ihnen im Alltag begegnen, meint Ottmar Hinz, dessen einstündige Engel-Spaziergänge «zwischen Himmel und Erde» durch die Bremer City stets ausgebucht sind. «Das müssen nicht immer Männer mit Flügeln sein», sagt er mit einem Schmunzeln. Und Engelforscher Wolff ergänzt: «Gott kommt nicht mit Rauch und Donner.
Seine Engel zeigen sich auch in stillen Glücksmomenten, beim Singen, im Blick des Enkels.»

 

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Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 4. Dezember 2016, 18:40 Uhr


Zu Martin Luthers Zeiten konnte man wohl noch an Engel glauben. Heute ist das schlechterdings nicht möglich. Und doch, die Kraft des Guten und Menschen, die uns gut tun, Gutes tun. Sie sind wie Engel.

Wir sind wie Engel mit einem gebrochenen Flügel. Zusammen können wir fliegen.
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Atlantica, 4. Dezember 2016, 18:40 Uhr


Zu Martin Luthers Zeiten konnte man wohl noch an Engel glauben. Heute ist das schlechterdings nicht möglich. Und doch, die Kraft des Guten und Menschen, die uns gut tun, Gutes tun. Sie sind wie Engel.

Wir sind wie Engel mit einem gebrochenen Flügel. Zusammen können wir fliegen.
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Matthäus53, 4. Dezember 2016, 21:38 Uhr


Wie im Psalm 91 schon geschrieben ist , so sollten alle Engel und alle ihre Handlungen (auch zu Jesu Geburt) gesehen werden. Sie handeln nur auf Weisung Gottes oder des Sohnes. Was für den US Präs.der Secret Service ist, sind die Engel bei Gott . Zu wem gebetet werden soll gibt es genügend Anweisungen im Nt. Darum, wer mehr in der Bibel lesen würde, gleitet auch nicht zum Engelsglauben ab . Aber vielleicht oder eher wahrscheinlich, sind wir schon in der Zeit - wie es beim 24. Mt.Evangelium (z.B. Verse 4-5 und 11,12) angekündigt wird
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