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Grundlegende Regel der Bibel: Prüfet alles, das Gute behaltet. Was kann das im Hier und Jetzt bedeuten? Foto: TSEW

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Evangelisch – die große Freiheit

Glaube

Aus der Printausgabe - UK 44 / 2016

Von Anke von Legat | 28. Oktober 2016

Was heißt das eigentlich: evangelisch glauben? Von den Möglichkeiten und Wagnissen, aus der Fülle der Angebote selbst auswählen zu können: ein Aufruf, das Leben Gott anzuvertrauen

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Grundlegende Regel der Bibel: Prüfet alles, das Gute behaltet. Was kann das im Hier und Jetzt bedeuten? Foto: TSEW

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Ich bin evangelisch. Und das gern und aus voller Überzeugung. Evangelisch sein heißt für mich: Ich glaube an Gott, den liebevollen, uns Menschen zugewandten Schöpfer.

Aber mein Glaube ist kein abgeschlossenes System. Gott und Mensch, Gut und Böse, Richtig und Falsch sind nicht eindeutig und ein für alle Mal festgelegt.
Vielmehr halte ich es mit Paulus. Der schreibt an die Gemeinde in Thessalonich: „Prüfet alles, und das Gute behaltet“(1. Thessalonicher 5,21). Das ist für mich ein durch und durch evangelischer Satz. Er beinhaltet die Freiheit, auf Unbekanntes zuzugehen, ohne gleich schon zu wissen: Das ist gut für meinen Glauben. Ich darf mir alles anschauen, alles denken und vieles ausprobieren, um dann zu entscheiden: Das passt – oder auch nicht.


Mit dieser Haltung kann ich mich zum Beispiel Fragen nach Sterbehilfe oder Abtreibung stellen und die verschiedenen Argumente abwägen. Oder ich kann auf Menschen zugehen, die anders glauben und anders leben als ich, und schauen, was wir voneinander lernen können.


Und auch mich selbst kann ich immer wieder fragen: Entspricht das, was ich glaube und tue, eigentlich wirklich Gottes Willen? Oder muss ich Meinungen und Glaubensüberzeugungen, die ich bisher vertreten habe, vielleicht loslassen – selbst dann, wenn noch keine hundertprozentige neue Überzeugung bereitsteht?


Natürlich birgt diese Freiheit ein gewisses Risiko. Woher weiß ich, dass ich richtig liege mit meiner Einschätzung? Immerhin habe ich nur meinen menschlichen Blick, und der ist begrenzt und kann auch in die Irre führen. Die Antwort ist: Ich weiß es nicht – aber ich glaube, dass Gott mir Verstand gegeben hat, die Geister zu scheiden – und sein Wort, nach dem ich mich richten kann. Es geht bei der evangelischen Freiheit nicht um mein eigenes Gutdünken, sondern um ein Abwägen im Licht des Evangeliums.


Also frage ich – Gott, mich und andere: Was entspricht Gottes Liebe und Barmherzigkeit? Was hat Jesus vorgelebt und gelehrt? Wie hat er sich Menschen zugewandt, sie aufgerichtet, sie befreit, ihnen Wert zugemessen? Und wie kann ich das in meinem eigenen Leben verwirklichen und weitergeben? Wie bringe ich Gott in diese Welt?


Diese Art zu glauben ist ein Wagnis. Sie bietet keine einfachen Lösungen und überlässt die Verantwortung für die eigenen Entscheidungen nicht anderen Menschen oder Institutionen. Aber sie ist in meinen Augen die dem Evangelium gemäße, die evangelische Art zu glauben. Ich vertraue darauf, dass Gott mit mir ist auf diesem Weg des Fragens und Suchens, und dass er mit unverbrüchlicher Gnade ebenso auf meine Ratlosigkeit und Irrungen schaut wie auf meine richtigen Entscheidungen.

Oder, um noch einmal mit Paulus zu sprechen: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“ (Römer 8,38).

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 28. Oktober 2016, 23:56 Uhr


Zitat:

"Ich bin evangelisch. Und das gern und aus voller Überzeugung. Evangelisch sein heißt für mich: Ich glaube an Gott, den liebevollen, uns Menschen zugewandten Schöpfer."

Da gehe ich (noch) mit. Aber dann:

"Mit dieser Haltung kann ich mich zum Beispiel Fragen nach Sterbehilfe oder Abtreibung stellen und die verschiedenen Argumente abwägen."

Das klingt verdächtig nach Beliebigkeit, nach Beliebigkeit im Umgang mit grundsätzlichen Fragen des menschlichen Lebens. Die Zehn Gebote aber sind nicht beliebig, sie sind eindeutig.

"Du sollst nicht töten!" schließt für mich Sterbehilfe und Abtreibung aus und verbietet ein Abwägen.

Die Zehn Gebote lassen keinen Spielraum für solche Interpretationen.


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Alwite, 29. Oktober 2016, 11:39 Uhr


Danke, Anke von Legat,

"Mit dieser Haltung kann ich mich zum Beispiel Fragen nach Sterbehilfe oder Abtreibung stellen und die verschiedenen Argumente abwägen. Oder ich kann auf Menschen zugehen, die anders glauben und anders leben als ich, und schauen, was wir voneinander lernen können."

Mein Sterben, meine Abtreibung, mein Zugehen auf andere Kulturen von Gott begleitet und nicht Dogmen unterworfen zu wissen, erkenne auch ich als Freiheit unseres Glaubens, Freiheit meiner eigenen Verantwortung vertrauen zu dürfen.
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Paperback, 29. November 2016, 10:29 Uhr


Weil es im Forum keinen Platz dafür gibt, sage ich hier jetzt, was mich in letzter Zeit beschäftigt und auch umtreibt.
Solche Antworten wie Deine obige empfinde ich als abtropfen lassen , oder soll ich sagen, auflaufen lassen.
Fehlt nur noch ein Bibelspruch, und jemand ist abgefertigt.
Mir wird immer bewusster, dass ich einer Idee hinterher laufe, die längst schon nicht mehr gilt.
Eigentlich müsste ich gehen, weiß aber auch, dass ich damit eine Tür zuschlage. Und wie sagte einst Herbert Wehner: "Wer geht, muss auch wieder reinkommen."
Deshalb melde ich mich nicht aus dem Forum ab, lege mir aber zunächst äußerste Zurückhaltung auf. Es tut mir nicht gut, was hier geschieht und es spiegelt nicht nur meine bisherigen Erfahrungen mit Gemeinde und Kirche, sondern auch ein gewisses Verhalten, das ich seit vielen Jahren und zu genüge erlebe.
Gehörst Du dazu, dann darfst Du.. Gehörst Du nicht dazu, dann halte besser den Mund. In keinem anderen Bereich, keiner anderen Organisation findet Ausgrenzung so subtil statt wie in Kirche und Gemeinde. Das fühlt sich für mich gar nicht gut an.
Nicht zuletzt aber hat es etwas von Selbstgeißelung, hole ich mir doch in erster Linie Abfuhren.
Ich reibe mich auf, hänge mein Herz und meine Hoffnung an Menschen, denen es im Grunde gleichgültig ist, ob ich da bin oder nicht.
Mit Einsamkeit kann ich umgehen, und ich bin gerne allein, weiß mich zu beschäftigen. Aber Einsamkeit mitten unter Menschen, mit denen ich immer glaubte, Gemeinsamkeiten zu haben oder wenigstens zu finden, ist fast unerträglich.
Ich merke, wie mich das verändert und muss mich vor weiteren Erfahrungen dieser Art schützen.
Es ist paradox, wenn ich in anderen Bereichen die Sache des Glaubens zu verteidigen suche, in meiner eigenen christlichen Umgebung aber kein Gehör finde.
In diesem Sinne: Eine besinnliche Zeit.

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