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Was bedeutet "Reformation" heute? EKD-Medienbischof Volker Jung (mitte) im Gespräch mit dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller (rechts), und dem Vorsitzenden des Evangelischen Medienverbandes in Deutschland, Roland Gertz, auf der Frankfurter Buchmesse.

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Christ oder Deutscher - was macht mich aus?

23. Oktober 2016

Buchmesse: Evangelischer Medienbischof Volker Jung über Reformation und Nationalismus.

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Was bedeutet "Reformation" heute? EKD-Medienbischof Volker Jung (mitte) im Gespräch mit dem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller (rechts), und dem Vorsitzenden des Evangelischen Medienverbandes in Deutschland, Roland Gertz, auf der Frankfurter Buchmesse.

Reformation und Nationalismus passen nach den Worten des Medienbischofs der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Volker Jung, nicht gut zusammen. »Luther hätte jedem widersprochen, der gesagt hätte: ›Das Allerwichtigste ist es, dass ich Deutscher bin'«, sagte der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau bei einem Rundgang auf der Frankfurter Buchmesse. Reformation bedeute die Einsicht, dass der Mensch seine Erfüllung nicht in endlichen Realitäten habe. Es gehe nicht um Identitäten. »Man kann sich ja auch weder als Schalke- noch als Dortmund-Fan abschließend definieren«, verglich er.

Die Resonanz für das Lutherjahr der EKD sei bislang gut, sagte Jung. Er hoffe, dass das Themenjahr nicht durch politische Ereignisse in den Hintergrund gedrängt werde. Immerhin finde in der entscheidenden Phase des Reformationsjubiläums die Bundestagswahl statt.

Luther hat die Medien genutzt und geprägt

Martin Luther habe die Medien nicht nur auf einzigartige Weise genutzt, sondern sogar geprägt, sagte der Kirchenpräsident. Als Beispiel nannte er die Weise, wie der Reformator das relativ neue Medium des Flugblatts für die Zwecke der Reformation nutzte. Wie die Kirche die heutigen neuen Medien auf ähnliche Weise prägen und etwas Nächstenliebe in die Kommentarspalten von Facebook bringen könne, sei »eine noch ungelöste Frage«. Weil das Internet so individualisiert sei, sei es schwierig vorherzusehen, welche Konzepte dort funktionierten und welche nicht.

Schwieriger Umgang mit sozialen Netzwerken

Nach Jungs Worten hat die Gesellschaft den richtigen Umgang mit den sozialen Netzwerken noch nicht gefunden. Das gelte auch für ihn. »Ich finde es nicht leicht, sich ein Stück weit persönlich zu erkennen zu geben, ohne sich selbst zu inszenieren«, sagte er.

Jung besuchte die Deutsche Bibelgesellschaft ebenso wie den größten Bibelverlag des Messe-Gastlandes Niederlande, Royal Jongbloed. Bücher zu Luther und dem Reformationsgeschehen standen auch beim Verlag C.H. Beck, bei der Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verleger sowie der Edition Faust mit ihrer Graphic Novel „Luther“ im Mittelpunkt des Interesses. Im EMVD sind über 40 evangelische Verlage, Medien- und Presseverbände, Buchhandlungen etc. zusammengeschlossen. Am EMVD-Gemeinschfaststand waren auch die evangelischen Wochenzeitungen vertreten.epd/EMVD/UK

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Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 25. Oktober 2016, 17:43 Uhr


Der Herr Bischof setzt aber auf eine seltsame Spaltung des Bewusstseins, will er uns doch offensichtlich damit sagen, dass jemand als Christ schlecht ein (gesundes) Nationalbewusstsein haben kann.
Da halte ich dagegen und sage, dass ich mich als Christ zugleich den Werten verpflichtet fühle, wie sie etwa in unserer Hymne zum Ausdruck kommen.
Eingebettet in die Geschichte meines Volkes, teile ich die guten und die weniger guten Seiten unserer Geschichte.
Das gehört zu dem Erbe meiner Väter und Großväter, meiner Mütter und Großmütter. Nur so ist Versöhnung möglich.
Unserer Geschichte können wir nicht entkommen, nicht im Guten wie auch im Bösen. Und das ist gut so, denn so weiß ich, wohin ich gehöre.
Begegne ich etwa einem Moslem, weiß er, dass ich Deutscher bin und Christ, wie ich ihn auch als Pakistani, Afghane oder Syrer wahrnehme und in der Regel auch als Moslem.
Das alles gehört zu unseren jeweiligen Identitäten. Wer das trennen möchte, vereint nicht, sondern spaltet, zwingt den Einzelnen zu einer Schizophrenie seines Bewusstseins.
Nur Achtung und Respekt können da die Klammer sein, und wenn man will, das Gebot der Nächstenliebe, die nicht trennt, sondern vereint.

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Atlantica, 26. Oktober 2016, 7:45 Uhr


Danke für den gedanklichen Anstoß, lieber PB. Dass man einen Gegensatz von deutschem Selbstbewusstsein und Christsein errichtet, deutet für mich eher dahin, dass ein allgemeines Geschichts-Bewusstsein kaum noch vorhanden ist. Was interessieren uns die Generationen der Väter und Mütter, unserer Vorfahren? Wir haben doch jetzt endlich eine emanzipierte, gerechte, multi-kulturelle Gesellschaft.
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Paperback, 26. Oktober 2016, 8:59 Uhr


Morgen Atlantica,

Du schreibst: "Wir haben doch jetzt endlich eine emanzipierte, gerechte, multi-kulturelle Gesellschaft. "

Ich erkenne Deine Ironie. Und wenn wir dann in die Brennpunkte und Konfliktzonen unserer westlichen Welt sehen, dann lässt sich unschwer erkennen, wie man uns da etwas in die Tasche lügt.

Am Deutlichesten zeigt sich das wohl in den USA, aber auch bei uns bricht die Gesellschaft mehr und mehr auseinander. Das wird leider von vielen christlich orientierten Bildungsbürgern regelmäßig geschönt.

Wir sind nicht eins, wir sind verschieden. Und wir verraten Luther, wenn wir Unterschiede glatt bügeln. Und das umso mehr, als man versucht, auf religiöser Ebene auch noch den Islam zu integrieren.

Das ist pseudo-religiöses Wischi-Waschi. Der Weg zu Gott führt nicht über Rom, auch nicht über Mekka. Er führt über Jesus, den Sohn.

Geben wir dieses Fundament auf, relativieren es, ist unser Glaube beliebig.

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Alwite, 26. Oktober 2016, 9:58 Uhr


»Luther hätte jedem widersprochen, der gesagt hätte: Das Allerwichtigste ist es, dass ich Deutscher bin«

Wo der Bischof recht hat, hat er recht: Wer wie Luther eine Bibel zu übersetzen vermag, denkt nicht nur sprachlich in so weitumfassenden Dimensionen, in denen sich reines Deutschtum höchstens integrieren lässt.

"Schwieriger Umgang mit sozialen Netzwerken

Nach Jungs Worten hat die Gesellschaft den richtigen Umgang mit den sozialen Netzwerken noch nicht gefunden. Das gelte auch für ihn. »Ich finde es nicht leicht, sich ein Stück weit persönlich zu erkennen zu geben, ohne sich selbst zu inszenieren«, sagte er."

Verleiten Netzwerke zur Inzenierung? Auch das ist wahr.

Warum ist Frau Merkel so erfolgreich? Sie hat die Gabe, ein Thema im Kern aufzunehmen und sich mit einem Minimum an Sprache, verständlich zu machen.
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Schallblech, 26. Oktober 2016, 10:55 Uhr


»Luther hätte jedem widersprochen, der gesagt hätte: Das Allerwichtigste ist es, dass ich Deutscher bin«

Selbstverständlich hätte Luther widersprochen. Deutschland gab es ja noch garnicht. Wie konnte es dann wichtig sein, Deutscher zu sein? Man kann die damalige Situation einfach nicht mit der Heutigen vergleichen, in so vielen Dingen nicht.
Da gibt es Leute, die werfen Luther vor, daß er an Hexerei und den leibhaftigen Teufel glaubte. Natürlich tat er das, das war normal, das war "Realität" damals. Laßt doch Luther in seiner Zeit, dem ausgehenden Mittalalter! Er hat Großes geleistet, unter Lebensgefahr. Er hat die Welt verändert. Was im Lauf der Jahrhunderte mit seinem Werk passierte, und wie wir heute damit umgehen, hat mit ihm, dem Menschen Luther, nichts mehr zu tun.
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Atlantica, 26. Oktober 2016, 19:09 Uhr


Wieviel Spiegel-Christologie ist gesund?


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Zwar sind M. Luther und D. Bonhoeffer (und tausend andere!) in keiner Weise miteinander zu vergleichen. Was ich mich nur frage: wieviel Leid muss ein engagierter, ehrlicher Christ eigentlich ertragen, der Jesus nachfolgt oder nachfolgen will?
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Alwite, 27. Oktober 2016, 12:40 Uhr


Lieber Atlantca,
ertragen ist (für mich) eine eigene Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten. Verharre ich im Nächstlegenden, der ständigen Opposition und fortwährendem Wiederspruch, gebe ich dem Leid ohne Ende den Vorzug. Halte ich Leid im Sinne Christus aus, strebe ich ans Licht, folge (im Leid) bewusst allem Positiven.
Diese Entscheidung liegt bei mir - einzig bei mir:-)
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