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Fressen und gefressen werden

Nahrungskette

Aus der Printausgabe - UK 40 / 2016

Gerd-Matthias Hoeffchen | 1. Oktober 2016

Leben kann nur existieren, wenn es anderes Leben vernichtet. Dieses Grundgesetz der Schöpfung gilt von Anfang an. Und das ist „Gottes gute Ordnung“? Ein Beitrag zu Erntedank

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Erntedank 2016. Wir feiern Gottes gute Ordnung. Blumen stehen am Altar. Brot und Gemüse, die Früchte von Feld und Garten. Die Gemeinde singt: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn.“ Drum dankt ihm dafür.
Wirft man aber einen Blick unter die Ackerkrumme, tobt da die Hölle. Der Maulwurf zerbeißt den Wurm. Die Maus verschluckt den Käfer. Und oben lauert die Katze, die grausam der Maus den Garaus macht.
So funktioniert das Leben: fressen und gefressen werden. Man nennt das „Nahrungskreislauf“. Leben kann nur existieren, wenn es anderes Leben in sich aufnimmt, auflöst und dessen Kraft übernimmt. Jede Lebensform will leben. Sie hat Hunger, Verlangen. Der Grashalm nach Licht und Wasser. Der Löwe nach der Gazelle. Auf der anderen Seite will keine Lebensform selbst gefressen werden. Sie hat einen Selbsterhaltungstrieb, einen Fluchtreflex. Auf der Ebene der höheren Lebewesen heißt das: Todesfurcht. Und das meint: Angst, Schmerz, Entsetzen.
Der Mensch ist da nicht außen vor. Zwar hat er sich an das Ende der Nahrungskette gesetzt.  Er „frisst“ nur noch selber. Bär, Wolf und Urhyäne hat er ausgemerzt; keiner mehr da, der ihn fressen will.
Zumindest auf den ersten Blick. Aber: Stirbt der Mensch, wird auch er wieder Teil des Kreislaufs. Kleinst­organismen lösen seinen Körper auf, er geht zurück in die Nahrungkette. Und schon davor wird der menschliche Körper ständig angegriffen. Der Blick durchs Mikroskop zeigt: Sein Leben lang verteidigt sich der Körper gegen Bakterien, Viren und Tumorzellen. Und oft genug verliert er.
Ist das Gottes gute Ordnung? Das Leben, das nicht anders existieren kann als ein System aus Jagd, Flucht, Kampf, Tod, Entsetzen? Wie passt das zu der Feststellung der Bibel, dass Gott am Ende der Schöpfung sein Werk betrachtet und sagt: „Und siehe, es war sehr gut.“?
Man muss auch hier genauer hinschauen: Das war die Welt vor dem Sündenfall. Das Paradies. Danach folgt der Sündenfall. Das Leid kommt in die Welt. Nichts ist mehr gut. Wilde Tiere werden den Menschen anfallen. Der muss sich sein Leben im Schweiß seines Angesichts erkämpfen. Das ist die Welt.
Warum ist das so? Niemand weiß es. Das ist Gottes Geheimnis. Die Schilderungen der Bibel sind Bilder, keine naturwissenschaftlichen Erklärungen. Sie halten die uralte Erfahrung fest: Leben ist Kampf, Anstrengung und Leid.
Was den Menschen bleibt, ist der Auftrag, dieses Leben zu gestalten. Den Mitmenschen und seine Mitgeschöpfe zu lieben –  Schmerz und Leid zu mildern und vermeiden, wo es nur geht.
Und es bleibt die Hoffnung: das Versprechen und die Aussicht auf eine neue, bessere Welt, in der wieder alles gut sein wird. Wolf und Lamm werden sich vertragen, heißt es in der Bibel. Es wird kein Leid geben. Kein Fressen und gefressen werden.
Auf diese Hoffnung hin leben wir. Das ist unser Weg. Auch und gerade für diese Hoffnung danken wir, wenn wir das Leben feiern: Erntedank.

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