hg
Bild vergrößern
Das Zerbrechliche bewahren – eigentlich ein Reflex, den die meisten Menschen von Kindheit an in sich spüren. Trotzdem schreitet die Zerstörung der Schöpfung fort. Gedankenlosigkeit und Egoismus führen dazu, dass Lebensräume vernichtet werden, Tausende Pflanzen- und Tierarten aussterben und Menschen auf der Flucht sind. Aber was tun angesichts des Ausmaßes der Bedrohung? „All eure Sorgen werft auf ihn“, heißt es im Predigttext. Das ist der erste Schritt. Weitere können dann im Vertrauen auf Gott folgen. Foto: flashpics
Bild vergrößern
Volker Rotthauwe (58) ist Pfarrer für nachhaltige Entwicklung im Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW.

Anzeige

Nüchtern und wachsam

Andacht

Dieser Artikel ist auch als Audiobeitrag verfügbar:



Von Volker Rotthauwe | 4. September 2016

Über den Predigttext zum 15. Sonntag nach Trinitatis: 1. Petrus 5,5c-11

Bild vergrößern
Das Zerbrechliche bewahren – eigentlich ein Reflex, den die meisten Menschen von Kindheit an in sich spüren. Trotzdem schreitet die Zerstörung der Schöpfung fort. Gedankenlosigkeit und Egoismus führen dazu, dass Lebensräume vernichtet werden, Tausende Pflanzen- und Tierarten aussterben und Menschen auf der Flucht sind. Aber was tun angesichts des Ausmaßes der Bedrohung? „All eure Sorgen werft auf ihn“, heißt es im Predigttext. Das ist der erste Schritt. Weitere können dann im Vertrauen auf Gott folgen. Foto: flashpics
Bild vergrößern
Volker Rotthauwe (58) ist Pfarrer für nachhaltige Entwicklung im Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW.

Predigttext
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. 8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. 10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

All eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“
Wie hört das jemand, den die Bilder von Krieg, Tod und Flucht in den Nachrichten nicht mehr loslassen, oder eine, die wegen der Klimakatastrophe besorgt ist? Kann man das ernsthaft jemandem raten, dem persönliche Sorgen den Schlaf rauben? „All eure Sorgen werft auf ihn.“ Würde solch ein Ratschlag nicht als zynisch empfunden werden: „Wird schon wieder“?
Die Zeiten waren hart für die Gemeinde, an die der Verfasser des Briefes schreibt. Verfolgung und Denunziation gehörten zu ihrem Alltag. Der „Teufel“, ein „brüllender Löwe, der Beute sucht, um sie zu verschlingen“, beschreibt die reale Gefahr, der jedes Gemeindeglied ausgesetzt ist. Da muss man aktiv werden: „All eure Sorgen werft auf ihn“! Das heißt: „Schleudert eure Sorgen mit aller Kraft Gott entgegen, knallt sie ihm vor die Füße!“
All die Gefühle, die Sorgen, die Wut müssen raus, müssen formuliert und abgeladen werden. So wie es auch Hiob in seiner Not tat, die Propheten in ihrer Anklage und Jesus am Kreuz. All das herausschleudern zu können und zu dürfen, ist der erste Schritt.
Erst dann ist für den Briefeschreiber der Weg frei für die nächsten Schritte.
„Seid nüchtern und wachsam“, rät er der Gemeinde als nächstes. Dabei hat er die Geschwister in der ganzen Welt im Blick. Die Sorge um das Schicksal jedes und jeder Einzelnen in der Gemeinde in Kleinasien ist für ihn verknüpft mit der Sorge um das Schicksal der Menschen weltweit.
Heute ist die Menschheit in der Lage, die ganze bewohnte Erde mit all ihren Geschöpfen zu zerstören. Keine Menschengeneration zuvor hat die Grundlagen allen Lebens so effizient in Richtung Abgrund geschoben.
Die Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (ACK) ruft deshalb seit vielen Jahren zu einer „Schöpfungszeit“ auf, die am 1. September begonnen hat und am 4. Oktober endet. Hier wird der Ratschlag des Verfassers des Petrusbriefes ganz aktuell. Schleudert eure Sorge Gott vor die Füße! Denn der „Teufel“ geht auch heute wie ein „brüllender Löwe“ umher, um seine Opfer zu suchen. Jeden Morgen beim Aufschlagen der Tageszeitung, jeden Abend in den Nachrichten ist seine Spur der Verwüstung zu verfolgen.
Der Teufel kann heutzutage in den Chefetagen der Rüstungsindustrie sitzen oder er spekuliert als Investmentbanker mit Nahrungsmitteln. Er hat tausend Gesichter. Es ist heute weniger ein brüllender Löwe als ein säuselnder Verführer, der dafür wirbt, der Macht des Marktes zu vertrauen, denn „der wird schon alles richten“. „Viel List sein grausam Rüstung ist“ dichtete Martin Luther, und Umberto Eco lässt in seinem Roman „Im Namen der Rose“ seinen Helden William sagen: „Der Teufel ist die Anmaßung des Geistes, der Glaube ohne zu lächeln, die Wahrheit, die niemals vom Zweifel erfasst wird.“
Der Rat des Briefeschreibers hat auch heute nichts von seiner Aktualität verloren!
Die Sorge um die Zerstörung der Lebensgrundlagen, die Wut über die viel zu zögerlichen Schritte der Weltgemeinschaft angesichts der Klimakatastrophe müssen raus und brauchen einen Ort: Werft sie auf Gott, so wie es Hiob tat. Der Gottesdienst ist ein Ort dazu.
Und dann? Dann ist es Zeit für Demut, für Gelassenheit, für Nüchternheit und für Wachsamkeit, so wie es der Briefeschreiber rät. Dann ist Zeit für gute Ideen, klare Analysen und strategisches Handeln für eine Welt, in der der „brüllende Löwe“ keine Opfer zum Verschlingen mehr findet.
Und beim Weitergehen – demütig, nüchtern, gelassen und wachsam – kommt Gott uns entgegen in seiner Schöpfung. „Die ganze Schöpfung – Lobpreis Gottes“. Aus diesem mittelalterlichen Hymnus der Hildegard von Bingen ist das Motto der diesjährigen Schöpfungszeit entnommen (www.schöpfungstag.info).
Es ist Gott selbst, der uns für die Bewahrung seiner Schöpfung stärken und kräftigen wird. Darum: „All eure Sorgen werfet auf ihn!“

Gebet: Gott, Schöpfer allen Lebens, du siehst all das Leid deiner Schöpfung. Lass uns in unserer Sorge, in unserem Entsetzen und in unserer Trauer darüber nicht abstumpfen. Wandle es in nüchternes und beharrliches Engagement für deine Schöpfung. Lass uns dich in ihrem Glanz immer wieder neu erkennen. Amen.

1

Leser-Kommentare öffnen

Atlantica, 3. September 2016, 9:43 Uhr


Leiden scheint aktuell nicht gefragt zu sein. Klingt ironisch, was ich meine: das ist schon un-glaublich, man soll Gott alles, aber auch wirklich alles, vor die Füße werfen, anvertrauen. An anderer Stelle heißt es, werdet wie die Kinder. Ein Gottesbild zu besitzen, das uneingeschränktes Vertrauen ermöglicht, das wünsche ich mir.
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login
Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen