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Ziel der Forschung ist es, langfristig weniger Medikamente zu brauchen. Foto: Gina Sanders

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Heilen mit weniger Medikamenten

Gesundheit

Aus der Printausgabe - UK 36 / 2016

Von Stefanie Walter | 6. September 2016

Dem Placebo auf der Spur: Forscher untersuchen, wie Erwartungen und Erfahrungen den Verlauf von Krankheiten beeinflussen. Ganz wichtig ist die Beziehung zum Arzt

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Ziel der Forschung ist es, langfristig weniger Medikamente zu brauchen. Foto: Gina Sanders

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Ein schöner Sommertag am Comer See, ein Spaziergang durchs Berg-Städtchen, weiter zu der kleinen Kirche, die warme Sonne auf der Haut – so stellte sich die Patientin einen Urlaub nach ihrer Herzoperation vor. Mehrere Male trafen sie und weitere Herzkranke sich in Marburg mit Psychologen. „Wir haben vor der Operation eine kleine psychologische Intervention gemacht, um die Erwartung der Patienten in optimistischer Weise zu beeinflussen“, erklärt der Psychologe Johannes Laferton.

Unter Anleitung sollten sie sich ausmalen: Wie hilft ihnen die Operation? Welche Pläne haben sie, wie soll es später weitergehen?

Positive Erwartung kann Heilung beschleunigen

Sie berichteten von Gartenarbeiten, vom Umtopfen und Rasenmähen, vom Toben mit dem Enkel, von Grillfesten. Die Ergebnisse nach der Operation überraschten selbst die Psychologen: Die körperlichen Einschränkungen waren deutlich geringer als die einer Kontrollgruppe. Die Patienten gaben an, sich im Alltag mehr zu bewegen, trauten sich mehr zu, ihre Stresswerte waren besser.
Die positive Erwartung beschleunigte ganz offensichtlich die Genesung der Herzkranken – darüber wollen die Wissenschaftler um den Marburger Psychologen Winfried Rief mehr erfahren. Sie erforschen den sogenannten Placebo-Effekt, zusammen mit Forschern aus Essen, Düsseldorf, Hamburg, Mannheim, München und Tübingen. Ein Placebo ist ein Scheinmedikament, das keinen Wirkstoff enthält, oder eine Scheinbehandlung.
Die Erwartung des Behandlungseffektes – wie im Fall der Herzpatienten – gilt als einer der Hauptmechanismen, die einen Placeboeffekt auslösen können. Hinzu komme etwas ganz Wichtiges, sagt Rief: der Arzt. Die Beziehung zwischen Patient und Behandler kann viel bewirken, wissen Placeboforscher.
Der Arzt kann seinem Patienten sagen: „Ich habe hier ein Medikament, das ganz toll wirkt“, oder er sagt: „Sie können das mal ausprobieren, aber es bringt wahrscheinlich nichts.“ Er kann sagen: „Mit der Wirbelsäule sind Sie eigentlich ein Wrack“ – oder er kann Zuversicht vermitteln, Mitgefühl zeigen.
Aber viele Ärzte redeten nicht mit den Patienten, sagt Rief. Der Forscher kritisiert den Trend zur Entpersonalisierung: Oft bekommt der Patient den operierenden Arzt gar nicht zu sehen. „Den menschlichen Kontakt zu eliminieren, ist ein Fehler“, glaubt der Wissenschaftler. „Es führt dazu, dass die Patienten noch mehr Medikamente brauchen.“
Die Menge der Medikamente reduzieren möchte auch Psychologe Manfred Schedlowski an der Uniklinik Essen. Er erforscht einen weiteren Hauptmechanismus der Placeboforschung: das sogenannte assoziative Lernen.
Schüler lernen das im Biologie-Unterricht mit dem Pawlow‘schen Hund: Der Nobelpreisträger Iwan Pawlow gab seinen Hunden Futter, gleichzeitig ertönte eine Glocke. Nach einigen Malen reichte der Glockenton, um beim Hund einen Speichelfluss auszulösen. 1927 erkannte der Forscher: Ein Hund, der sich regelmäßig nach einer Injektion von Morphium übergeben muss, erbricht sich auch dann, wenn er nur eine Kochsalzlösung gespritzt bekommt, die eigentlich keine Reaktion auslöst. Das Experiment gilt als Geburtsstunde der Placeboforschung.
Vor etlichen Jahren begannen nun Forscher um Schedlowski mit Lern-Experimenten an Ratten: Die Tiere erhielten ein Medikament, das auch nach Organtransplantationen verwendet wird, um eine Immunreaktion zu unterdrücken und das neue Organ nicht abzustoßen. Gleichzeitig gaben die Wissenschaftler den Tieren Zuckerwasser.
Dann bekamen die Ratten nur noch Zuckerwasser. Trotzdem wiesen die Forscher eine Reaktion im Immunsystem nach – ganz ohne Medikament. Auch nach tatsächlichen Transplantationen konnten sie Abstoßungsreaktionen verhindern oder verzögern.
Danach starteten die Wissenschaftler Studien mit Menschen: Gesunde Versuchspersonen bekamen ein Medikament und dazu eine Art grüne Erdbeermilch mit Lavendel, „ein ganz neuer Geschmack“, erklärt Schedlowski. Dann erhielten sie das Getränk zusammen mit einer Placebo-Pille. Und tatsächlich: Allein der Geschmacksreiz löste eine Reaktion aus.
Das Ziel lautet: Medikamente einzusparen, „vielleicht 30 bis 50 Prozent“, und einen Teil durch Placebos zu ersetzen, sagt Schedlowski: „Einige Medikamente haben ganz fatale Nebenwirkungen.“ Schritt für Schritt wagen sich die Forscher jetzt an Kranke heran.
„Es dauert noch lange“, dämpft Schedlowski zu hohe Erwartungen. Denn nicht jeder Mensch reagiere in gleicher Weise, betont auch der Marburger Psychologe Rief: „Jedes physiologische System ist anders.“

Informationen im Internet: www.placeboforschung.de.

Stichwort: Placebo

Nach klassischer Definition ist ein Placebo (deutsch: ich werde gefallen) ein Scheinmedikament ohne pharmakologisch wirksame Inhaltsstoffe. Aber es ist mehr als eine Zuckerpille: Auch medizinische Scheinbehandlungen, etwa Scheinoperationen, werden als Placebo bezeichnet. Placebos ahmen die positiven Wirkungen eines Arzneimittels oder einer medizinischen Behandlung nach.
Das Placebo selbst löst also nichts aus. Was wirkt, sind Faktoren im Zusammenhang mit der Behandlung, zum Beispiel die Verabreichung des Placebos durch den Arzt an den Patienten oder positive Erwartungen an das Medikament.
Placebos werden beispielsweise in der Schmerztherapie verwendet. Auch beim sogenannten Reizdarmsyndrom, bei Bluthochdruck, Depressionen, Migräne oder Virusinfekten zeigen Studien die Wirkung von Placebos.
Eine weitere Studie zeigte: Allein die Erwartung, dass ein Schmerzmittel teuer und hilfreich ist, steigerte dessen Wirksamkeit. Forscher untersuchen nun, wie Therapien mit Hilfe der Placebowirkung effektiver gestaltet werden können.epd

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