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Der Geist der Kreuzfahrt

Angemerkt

Aus der Printausgabe - UK 35 / 2016

Von Harald Mallas | 30. August 2016

Als Bordseelsorger auf einem Kreuzfahrtschiff erlebt Pfarrer Gotthelf vor Kurzem eine erstaunliche Wandlung: Er wird Künstler – genauer: Tageskünstler.

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Foto: Serge Melki/Wikipedia

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Nun zählt er nämlich zu denen, die an Bord für Programm und Unterhaltung sorgen. Eine bunte Truppe ist das, eine Art fahrendes Volk auf hoher See. Dazu gehören die Showband aus der Ukraine, der argentinische Bordpianist, die vier jungen Damen vom Showensemble, zwei Travestiekünstler, der Magier und die Dozenten für die Fachvorträge. Alles feine Menschen, mit denen man gleich zum Du übergeht.

Der Seelsorger als Künstler? Gotthelf kann weder zaubern, virtuos musizieren noch hellsehen. Es reicht zum Weitersagen des Evangeliums und zu einigen Akkorden auf der Gitarre. Dass der Titel „Tageskünstler“ für Seelsorger nicht greift, hat auch die Kreuzfahrtdirektion bemerkt. Sie wählte deshalb eine bessere Beschreibung. Auf der internen Künstlerliste wird Gotthelf als Bordgeistlicher geführt.
Das passt! Allerdings ist das Wort für die Spalte zu lang. Es muss eine Abkürzung her: Bordgeist, steht jetzt da! Das findet Gotthelf urkomisch. Und stellt sich vor, wie er im Talar durch die Gänge des Schiffes gespenstert, um Leute zu erschrecken, wie das ein Geist eben so macht.
Sei’s drum!  Hauptsache Gotthelf ist sich seiner Mission sicher. So gibt er sein Bestes: Bietet ökumenische Andachten und Gottesdienste an (für Passagiere und philippinische Crew), hält Vorträge und singt mit Interessierten Shanty bis Gospel. Schnell wird klar: Vor diesem Bordgeist muss niemand zittern. Er ist nur ein Mensch, unterwegs im Auftrag des Herrn.

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