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Bloß nicht auffallen!

Türkei

Aus der Printausgabe - UK 32 / 2016

4. August 2016

Die Politik Erdogans hat auch Einfluss auf die Christen im Land: Ängste wachsen, Gemeinden schrumpfen. Ein Gespräch mit Gerhard Duncker, dem Islambeauftragten der westfälischen Kirche

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Foto: Burak Su/Wikipedia
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Gerhard Duncker. Foto EKvW

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Seit vielen Jahren beobachtet Gerhard Duncker das Geschehen in der Türkei. Neun Jahre hat er als Pfarrer der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Istanbul gelebt. Heute ist er Landeskirchenrat und Islambeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen. Die Türkei – das Land und seine Menschen – liegt ihm am Herzen. Angesichts der aktuellen Entwicklung nach dem Putschversuch und der von Präsident Recep Tayyib Erdogan angeordneten „Säuberungen“ ist er zunehmend in Sorge. Auch um die Christen im Land, deren Zahl immer kleiner wird. Mit Gerhard Duncker sprach Annemarie Heibrock.

Nach dem Putschversuch herrscht Ausnahmezustand in der Türkei. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind außer Kraft gesetzt. Sie kennen die Türkei gut. Ist das Ihrer Meinung nach nur eine Übergangserscheinung oder muss man sich ernsthaft und langfristig Sorgen machen?
Zunächst mal möchte ich anregen, das Wort Demokratie angemessen zu benutzen. Wenn die Türkei per Parlamentsbeschluss etwa die Todesstrafe wieder einführt, dann  mag das zwar demokratisch sein, ist aber nicht rechtsstaatlich. Insgesamt stimmt es natürlich: Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Meinungsfreiheit sind in der Türkei in Gefahr. Nicht erst seit dem Putsch. In seinem Drang zur Macht hat  Erdogan schon in den vergangenen Jahren immer deutlicher gezeigt, wie wenig offen er ist für kritische Positionen. Und aktuell: Da sind 65 000 Staatsbeamte entlassen worden: Wo bleiben die denn alle? Wovon werden sie und ihre Familien leben? Hunderttausende von Schülern haben keinen Unterricht mehr, weil Privatschulen geschlossen wurden. Angesichts dieser Tatsachen, die sich nicht innerhalb kürzester Zeit wieder rückgängig machen lassen, glaube ich nicht, dass das alles nur eine Übergangserscheinung ist. Die Sorgen um die Türkei werden uns wohl noch länger begleiten – auch, weil das Land sich gegenwärtig außenpolitisch isoliert.

• Und die wirtschaftliche Lage ist auch nicht mehr so wie sie mal war...
Das stimmt. Unter Erdogan ging es in dem Land viele Jahre wirtschaftlich voran. Es gab auch etliche sozialpolitische Fortschritte, wie etwa die Pflichtkrankenversicherung für Kinder. Das alles ist nun in Gefahr. Ich bin überzeugt, dass westliche Staaten unter den derzeitigen unsicheren Bedingungen viel weniger in der Türkei investieren werden. Der Tourismus geht schon jetzt stark zurück. Und das werden die Menschen spüren.

Wie steht es um die Lage der Christen im Land?
Christen machen in der Türkei nur noch 0,1 Prozent der Bevölkerung aus. Angesichts der Re-Islamisierung des Landes sind die Sorgen unter ihnen natürlich groß. Die Gemeinden rücken deshalb auch näher zusammen. Aber sie schrumpfen auch. Dazu will ich Ihnen ein Beispiel nennen:  Viele syrisch-orthodoxe Christen sind vor etwa 50 Jahren vor Benachteiligung und bewaffneten Konflikten in der Osttürkei nach Deutschland geflohen beziehungsweise ausgewandert.  20 Jahre später sind sie mit großen Hoffnungen in die Türkei zurückgekehrt. Jetzt wollen sie aufgrund der politischen Lage alle wieder nach Deutschland. Glücklicherweise haben sie die deutsche Staatsbürgerschaft nicht aufgegeben.

Steht das Ende des Christentums in der Türkei bevor?  
Vor 100 Jahren lebten allein in Istanbul noch 200 000 griechisch-orthodoxe und armenisch-orthodoxe Christen. Jetzt gibt es in der Stadt nur noch etwa 2000 Griechen. Die wenigen jungen Christen finden auch keine Ehepartner mehr, denn sie heiraten in der Regel keine Muslime. Die Christen sind in der Vergangenheit immer unter sich geblieben, und wollen es auch bleiben. Der christliche Glaube ist ihr Anker und ihre Stütze. Also gehen viele nach Griechenland oder nach Amerika – dorthin, wo sie Verwandte haben. Etliche spüren jetzt so etwas wie Torschlusspanik: Wenn die christlichen Nachbarn und Freunde das Land verlassen, wollen sie nicht alleine zurückbleiben.

Wie ist denn die Stimmung in den christlichen Auslandsgemeinden in der Türkei?
Zu den Auslandsgemeinden gehören viele Frauen, die mit Türken verheiratet sind. Die werden in der Regel im Land bleiben. Die Zahl der anderen Gemeindemitglieder aber wird wohl sinken, denn Lehrer, Leute aus der Wirtschaft oder Diplomaten, die nur für eine gewisse Zeit in der Türkei leben, werden nicht mehr in so großer Zahl ihre Familien mitbringen. Die Angst ist gewachsen, in der Türkei nicht sicher zu sein. Und wenn es keine Familien mehr gibt mit Kindern, dann gibt es eines Tages auch keine Taufen und Konfirmationen mehr. Dann gibt es nur noch Beerdigungen. Zudem ist noch nicht einmal sichergestellt, ob sich in Zukunft überhaupt noch Pfarrerinnen oder Pfarrer finden werden, die eine solche Stelle antreten wollen. Die Frage nach der Zukunft der Auslandsgemeinden in der Türkei stellt sich jeden Tag.

Gibt es Befürchtungen, dass im Zuge der aktuellen „Säuberungen“ durch die Regierung Erdogan die Arbeit der Gemeinden eingeschränkt wird?
Schwer zu sagen. Jedenfalls sind alle sehr vorsichtig mit dem, was sie sagen und tun. Das fängt schon mit Überlegungen an, ob beim Gemeidefest Bier ausgeschenkt werden soll oder nicht. „Bloß nicht auffallen“ – diese Devise gilt nach dem Putschversuch mehr denn je. Im Stillen wird natürlich weiterhin gute Arbeit geleistet, etwa im Einsatz für die vielen Flüchtlinge aus Syrien, die jetzt in der Türkei leben.

Am Anfang von Erdogans Regierungszeit hegten viele Christen in der Türkei Hoffnung auf mehr Freiheit, weil das Klima insgesamt religionsfreundlicher wurde...
Das ist richtig. Viele Christen haben Erdogan auch gewählt, weil er in den Anfangsjahren noch auf eine gesellschaftliche Öffnung und auf Europa zuging. Damals erhofften sich die Christen auch für sich mehr Spielräume. Damit ist es jetzt vorbei. „Wie glücklich ist derjenige, der sagt, ich bin ein Türke“. Dieser oft zitierte Leitsatz Kemal Atatürks gilt heute in den Augen vieler Türken nur noch für muslimische Türken.   

Der lange Arm von Präsident Erdogan reicht über die türkische Religionsbehörde auch in den deutschen Islamverband DITlB.
Sicher. Die DITIB-Gemeinden sind zu 100 Prozent abhängig von der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Alle Imame hier sind türkische Staatsbeamte. Selbst die Freitagspredigten werden von der Behörde beeinflusst. Für besonderes Aufsehen sorgte der vorgeschlagene Predigttext für  die Freitagspredigt in Deutschland nach dem Putschversuch. Darin heißt es zum Beispiel: „Wir sind Zeuge davon geworden, dass durch die Hand von internen und externen Bösen sowie einer unseligen Struktur ein Putschversuch gegen die Unabhängigkeit unseres Volkes und der Demokratie unseres Landes unternommen wurde. Diese dem eigenen Volk zugefügte Behandlung der amoklaufenden Junta wird seitens des Volkes sicherlich nicht vergessen werden und die Teilhaber dieses fürchterlichen Versuchs werden immer verurteilt werden." Dies ist keine Predigt, sondern ein brisanter politischer Text.

Wenn die türkische Politik solchen Einfluss auf die Arbeit der DITIB-Gemeinden in Deutschland ausübt, hat das doch auch Konsequenzen für den hiesigen christlich-islamischen Dialog. Oder?
Unmittelbaren Einfluss auf den christlich-islamischen Dialog auf Gemeindeebene befürchte ich momentan nicht. Da sind ja meistens auf beiden Seiten engagierte und gutwillige Menschen aktiv. Und die werden auch weitermachen. Probleme sehe ich eher für die allgemeine gesellschaftliche Stimmung. Ich bekomme immer wieder Briefe und E-Mails von evangelischen Gemeindegliedern, die überhaupt keinen Sinn im christliche-islamischen Dialog sehen können und generell eher abwehrend bis feindlich gegenüber Muslimen eingestellt sind. Das Attentat auf den französischen Priester könnte diese Haltung noch verstärken. Das macht mir Angst.

Was können Sie, was können die Kirchen tun, damit zumindest das im christlich-islamischen Dialog bisher Erreichte nicht gefährdet wird?
Zuerst einmal ist es wichtig, dass wir die Brücken nicht abbrechen. Die Gespräche müssen weitergehen. Allerdings sollten wir unseren muslimischen Partnern auch ganz deutlich sagen, was uns ängstigt. Zu einem ehrlichen christlich-islamischen Dialog gehört auch der selbstkritische Umgang beider Seiten mit ihrer Religion.

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