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Kirche leer? Vielleicht liegt es (auch) an der Predigt ... Foto: Lagom
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Erik Flügge Foto: Kösel-Verlag
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Predigten mit Risiko

Gottesdienst

Aus der Printausgabe - UK 30 / 2016

23. Juli 2016

Predigten sind entweder zu akademisch oder zu banal, findet der Kommunikationsberater Erik Flügge. Anhand von Predigt-Beispielen erklärt er, was er meint

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Kirche leer? Vielleicht liegt es (auch) an der Predigt ... Foto: Lagom
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Viele Predigten gelten als verschroben, gefühlsduselig oder hölzern. Das beklagt der Kommunikationsberater Erik Flügge (30) in seinem vor Kurzem erschienenen Buch „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“. Steht es wirklich so schlimm? Dazu befragte ihn Karsten Huhn.

Sie beklagen: „Der Kirche zuzuhören ist, als wandle man zwischen dem Vorlesungssaal von Habermas und der Kindertagesstätte Pusteblume hin und her.“ Wie kommen Sie zu diesem Urteil?
Durch das Hören zahlreicher Predigten. Bei dem einen Übel werden theologisch-akademische Worthülsen aneinandergereiht, die ich als Zuhörer kaum noch dechiffrieren kann. Das andere Übel sind verschrobene, gefühlsduselnde Banalitäten, mit denen ich mich nicht ernst genommen fühle. Das Kunststück einer Predigt ist aber, tiefe geistliche Wahrheiten so zu vermitteln, dass sie auch jemand versteht, der kein Abitur hat.

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister predigte über die Mahnungen von Paulus in Römer 12,9–16: „Diese Reihe erinnert mich immer an die väterlichen Hinweise, wenn ich mit meinem Bruder fleißig in der Garage mit seinem Werkzeug, vom Schweißgerät bis zum Kompressor, gearbeitet hatte und nichts so hinterließ, wie wir es vorgefunden hatten. Nicht eine Ermahnung, sondern ein Forderungskatalog fiel auf uns am Abend hernieder mit den Hinweisen: ‚ordentlich, sorgfältig, sauber, anständig‘, bei dem wir schon beim zweiten Halbsatz abschalteten.“
Vielleicht überrascht Sie das, aber ich finde den Text gut! Das ist aus dem eigenen Leben gegriffen und zur Bibel ins Verhältnis gesetzt – und genau das muss eine Predigt leisten. Wenn ich von alltäglichen Dingen erzähle, die ich selbst erlebt habe, fällt es den Hörern leicht zuzuhören. Die spannende Frage ist jetzt, ob das grauenhaft weihevoll betont gesprochen wurde oder nicht.

Warum reden viele Pfarrer auf der Kanzel plötzlich nicht mehr normal, sondern geschwollen?
Meistens orientieren sich Vikare an ihren älteren Pfarrkollegen und ahmen deren Sprechweise nach. Es ist wie ein Virus, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. Selbst ehrenamtlich tätige Lektoren stecken sich an und lesen den Bibeltext plötzlich so schrecklich seltsam, wie sie sonst im Alltag niemals sprechen würden.

In seiner Predigt denkt Meister nach über die „eschatologische Lage der Menschen“ und hält es für wichtig, dass „die Glut der Theodizee-Frage auch heute noch nicht erloschen ist“.
Im Prinzip großartig! Eine Predigt, in der nicht auch über das Leid der Welt nachgedacht wird, ist eigentlich für die Katz. Das einzige Problem ist, dass kaum jemand weiß, dass es bei dem griechischen Wort Theodizee darum geht, wie Gott angesichts des Leidens gerechtfertigt werden kann. Und dass Eschatologie die Lehre von den letzten Dingen meint, dürfte vermutlich nur Theologen bekannt sein. Warum kann man das nicht gleich auf Deutsch ausdrücken?

Vielleicht gefällt Ihnen ja folgender Auszug aus einer Weihnachtspredigt Meisters: „Wir sind Wanderer in dieser Welt. Und so suchen wir, die wir unbehaust sind, einen Raum, in dem wir zu Hause sind. Diese Suche, die sich durch unser ganzes Leben zieht, verbindet uns heute Nacht mit zwei Menschen, die auch Wandernde waren.“
Wen soll dieser Unsinn berühren? Ich fühle mich ziemlich gut behaust – wie vermutlich auch alle Gottesdienstbesucher. Ich gehe davon aus, dass fast jeder von ihnen in einem Haus oder einer Wohnung lebt und nicht sein ganzes Leben auf Wanderschaft verbringt. Die Aussage ist der misslungene Versuch, dem Hörer eine mystische Erfahrung zu verschaffen oder eine künstliche Verbindung zu Maria und Josef herzustellen.

Noch mal Bischof Meister: „Liebe Gemeinde, manch biblischer Text bleibt uns besonders prägnant im Gedächtnis. Die Erzählung von der Verklärung Jesu gehört für mich dazu. Warum? Es war der Text für meine Examenspredigt vor fast 25 Jahren. Ich habe darauf verzichtet, sie mir herauszuholen, um nachzulesen, was ich damals gesagt habe. Vermutlich wäre es mir auch peinlich gewesen.
Das ist großartig! Da möchte ich wissen, wie es weitergeht. Übrigens habe ich die Erfahrung gemacht, dass durchaus vielen Predigern ihre eigenen Predigten peinlich sind. Nach der Veröffentlichung meines Buches habe ich von vielen Pfarrern Post bekommen. Sie schrieben mir, dass sie sich ertappt fühlen. Denn die meisten wissen, dass ihre Predigt nicht funktioniert.

Jetzt die ersten Sätze einer Osterpredigt des EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm: „Es muss etwas Ungeheuerliches gewesen sein, das, was damals vor knapp 2000 Jahren an diesem Morgen nach dem Passah-Fest in Jerusalem passiert ist. Was immer an diesem Morgen geschehen ist und wie immer es interpretiert werden mag, eines ist sicher: Es hat die Welt verändert.“
Das verstehe ich, es macht mich neugierig – und ich möchte mehr hören. Es ist also gelungen.

Noch ein erster Satz, diesmal aus einer Pfingstpredigt Bedford-Strohms: „Es gehört zu den schönsten Erfahrungen, die ich kenne, ein Baby auf dem Arm zu halten. Bei meinen eigenen Söhnen habe ich das so erlebt, aber auch bei den Kindern von Freunden. Zu sehen, wie verletzlich dieses kleine Menschlein ist – und die eigene Verletzlichkeit darin zu spüren.“
Das ist ein Gefühl, das viele Menschen teilen können – vielleicht sogar dann, wenn man selbst keine Kinder hat. Deshalb ist auch das ein ansprechender Einstieg.

In vielen Predigten tauchen Frage-Girlanden auf...
Fragen sind ein hervorragendes Stilmittel, aber man sollte sie nicht aneinanderreihen. Besser wäre es, eine zentrale Frage zu stellen und sich auf diese immer wieder zu beziehen.
Dagegen lassen Kettenfragen den Zuhörer orientierungslos zurück. Der Zuhörer denkt noch über die erste Frage nach und versucht, eine Antwort darauf zu finden. Währenddessen wird aber schon die zweite gestellt. In solchen Momenten macht unser Gehirn etwas sehr Schlaues: Es steigt aus – und das Gesagte geht über unseren Kopf hinweg.

Ist Ihre Predigt-Schelte nicht unbarmherzig? Immerhin müssen Pfarrer jede Woche eine Predigt abliefern – oft sogar mehrere.
Ja! Dennoch: Das Zentrum des Pfarrberufs ist nicht Management, Gremienarbeit oder Verwaltung, sondern die Verkündigung. Deshalb sollten Pfarrer Liebe in ihre Sprache investieren. Ich vermute, dass auch deshalb viele Kirchen leer bleiben, weil man dort so viel Unsinn hören muss.

Aus einer Osterpredigt von Bischof Dröge: „Nicht auf unsere Glaubensstärke kommt es an. Entscheidend ist, dass wir uns anreden lassen; dass wir bereit sind, unser Herz zu öffnen, eine ehrfürchtige Haltung einzunehmen, damit wir Sehende, Hoffende und Fühlende werden und die Osterfreude wahrnehmen. Denn Ostern heißt: das Leben wieder sehen zu lernen. Die neuen Anfänge und Möglichkeiten zu erkennen. Und dann die Hoffnung zu ergreifen.“
Das ist noch so ein Knüller – ein typischer Theologentext. Mir fallen sofort 100 Pfarrer ein, die genauso sprechen. Das ist so beliebig, dass es bei jeder Gelegenheit gesagt werden kann. Viele Predigten leiden daran, dass sie nicht aus eigener Erfahrung schöpfen, sondern aus Predigthandbüchern und wissenschaftlichen Publikationen. Eine gute Predigt riskiert aber etwas, so wie beim Pokern, wenn ich alle Chips, die ich habe, auf den Tisch lege. Ein Prediger muss sich der Gefahr aussetzen, dass die Gemeinde auch mal sauer nach Hause geht.

Sie stellen hohe Ansprüche an die Verkündiger. Was hilft, um nicht in Predigtnot zu geraten?
Es geht nicht um ein bestimmtes rhetorisches Raster oder um den Anspruch, dass eine Predigt perfekt sein muss. Dennoch habe ich einen einfachen Rat: Spielt nicht den Verkündiger – seid es!

Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Kösel-Verlag, 160 Seiten, 16,99 Euro.

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