hg
Bild vergrößern
Foto: Superingo

Anzeige

Dürfen alle mitmachen?

Gesellschaft

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2016

Gerd-Matthias Hoeffchen | 21. Juli 2016

Eine Frage taucht aus der Versenkung auf: Ist die Demokratie der Weisheit letzter Schluss? Wenn alle mitreden dürfen? Die Bedenken sind verständlich – aber es gibt keinen besseren Weg

Bild vergrößern
Foto: Superingo

Anzeige

Sind die Leute dumm? Zurzeit wird diese Frage wieder lauter. Phänomene wie Fremdenfeindlichkeit, Populismus und Brexit lassen so manchen Beobachter der politischen Landschaft aufstöhnen: Ist das Volk überhaupt fähig, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Die Demokratie – die Herrschaft des Volkes – ist ein Pfeiler der modernen Gesellschaftsordnung und neben den Menschenrechten ihr Grundpfeiler. Allerdings gab es von Anfang an auch immer ein Rest von Misstrauen dagegen.

Schon ihre Erfinder, die alten Griechen, wären nicht im Traum darauf gekommen, die große Masse abstimmen zu lassen. Das „Volk“, das war nur die Gruppe der freien Bürger – die, die sich selbst ernähren konnten und eine gewisse Bildung hatten. (Frauen und Sklaven zählten nicht dazu.) Und auch heute, in der Bundesrepublik Deutschland, sieht die Verfassung nur eine stark eingeschränkte Beteiligung des Volkes an Gesetzgebung und Regierung vor (so genannte repräsentative Demokratie); die Erfahrung, wie sehr ein ganzes Volk irren kann, war nach dem Zweiten Weltkrieg noch frisch.

Dennoch gibt es zur Demokratie keine Alternative. Und das nicht nur, weil sie sich aus unserem Menschenbild heraus ergibt (alle Menschen haben die gleiche Würde). Sondern auch, weil Jahrtausende menschlicher Erfahrung zeigen, dass jeder andere Versuch, ein Gemeinwesen zu organisieren, noch viel anfälliger dafür ist, die Menschen in die Katastrophe zu führen. „Die Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen“, soll der frühere britische Premierminister Winston Churchill sinngemäß gesagt haben, „aber es gibt keine bessere“.

Was muss man dann aber tun?

Es kommt darauf an, das Volk zur Demokratie zu befähigen.

Bildung stärken. Bildung ist kein Garant, aber eine notwendige Voraussetzung dafür, Dinge zu verstehen, einordnen und beurteilen zu können.

Sozialisation der Heranwachsenden verbessern. Geld, auch viel Geld, in die Kitas, Grundschulen, Sport- und Musikvereine und Familienhilfen stecken – hier wäre das Geld im Sinne einer Zukunftsinvestition wirklich sinnvoll angelegt.

Politik erklären, immer wieder erklären. Offen, ehrlich. Ohne Schönfärberei.

Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich zurückfahren. Hier liegt ein schwerwiegender politischer Fehler der westlichen Gesellschaft: Wenn das Volk, der Souverän, nicht in großen Teilen am wachsenden Wohlstand beteiligt wird, kann niemand erwarten, dass es das auf Dauer klaglos schluckt. Irgendwann wird es knallen.

Seit Jahren weisen Beobachter – auch diese Zeitung zählt sich dazu – auf die Gefahren hin, die sich in der Spaltung der Gesellschaft abzeichnen. Das, was uns wichtig ist für die Entwicklung unseres Gemeinwesens, muss neu geordnet werden.
Die gute Nachricht dabei ist: Noch ist es nicht zu spät. Noch sind wir in der Lage, einer weiteren unheilvollen Entwicklung entgegenzusteuern.

Wir müssten es jetzt nur langsam auch mal wirklich tun.

6

Leser-Kommentare öffnen

Paperback, 21. Juli 2016, 15:20 Uhr


Schön guten Tag, Herr Höeffchen!

Der Artikel verwundert, wie die Fragestellung insgesamt. Und warum gerade jetzt? Wer fühlt sich durch die parlamentarische Demokratie bedroht?
Ich könnte mir sicher noch ein paar plebiszitäre Elemente mehr vorstellen, etwa die Wahl des Bundespräsidenten durch die Wahlbürger. Da seine Aufgaben grundgesetzlich beschrieben sind, sähe ich darin auch keine Verschiebung der Macht-Balance,
Denke ich zudem daran, dass unsere Parlamentarier zu allerlei Fragen abstimmen, die nicht zu ihrem eigentlichen Fachgebiet gehören, dann sollte das auch für die Wahlbürger gelten.
Wo liegen Ihre Bedenken, die sich nach meinem Eindruck in der Fragestellung verbergen? Oder schwebt Ihnen etwa ein "Rat der Weisen" vor, besetzt aus Vertretern der EKD und der Katholischen Bischofskonferenz, vielleicht noch ergänzt durch Repräsentanten muslimischer Organisationen in Deutschland. Da hoffe ich dann aber, dass dieser Verdacht nur meinen etwas abseits liegenden Gedanken entspringt.

Gruß

Paperback
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Atlantica, 22. Juli 2016, 19:15 Uhr


Der Titel ist sehr treffend: Dürfen alle mitmachen?

Theoretisch gäbe es auch die Möglichkeit einer Monarchie. Rein sachlich kann man die Feststellung treffen, dass nach der Entstehung der Demokratie in der Antike im Mittelalter 1000 Jahre lang (und bis in die Neuzeit) weise Herrschergeschlechter regierten. Ich kannte mal einen Pastor, der eine Kaiser-Wilhelm-Anstecknadel trug (vielleicht liest er dies hier). Dass alle gebildeten Menschen gute Demokraten seien, kann man so einfach also nicht sagen. Dass Demokratie die beste Staatsform ist, muss man begründen. Chancengleichheit, Teilhabe, Föderalismus und kulturelle Vielfalt. Aber auch: Schwächung der Eliten! Unter diesem Gesichtspunkt wird die Demokratie selten gesehen. Unglaublich, wenn man bedenkt, dass noch Wilhelm II. sich als Kaiser von Gottes Gnaden sah; das ist keine einhundert Jahre her. Die Blütezeit der Demokratie in Deutschland, etwa Mitte der 60er Jahre bis ca. 1980 war nicht frei von Problemen. Beginn der Emanzipation, RAF. Aber im wesentlichen hat sich in dieser Zeit viel Gutes entwickelt. Und ich pflichte Paperback bei, dass man Demokratie nicht infrage stellen soll.
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Ruckzuck, 25. Juli 2016, 13:57 Uhr


Sehr treffend, UK! Zwei Tage später dann ähnlich - wenn auch sehr viel ausführlicher - auf welt-online:

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article157234454/Dem-Westen-droht-ein-Aufstand-der-Abgehaengten.html
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Paperback, 27. Juli 2016, 10:06 Uhr


Zitat:

"Dem Westen droht ein Aufstand der Abgehängten."

Das steht zu befürchten, und ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. So wie ich die derzeitige Entwicklung sehe, werden die traditionellen Parteien von diesem Aufstand nicht profitieren.
Die AFD dürfte sich die Hände reiben, obwohl sie diese Wahlbürger eigentlich nicht im Blick hat.
Nach meinem Eindruck, und das ist mein heftigster Vorbehalt gegen die Kanzlerin, die mir ansonsten Respekt abverlangt, hat sie die soziale Spaltung der Gesellschaft nicht wirklich als zentrales Problem unserer Gesellschaft wahrgenommen.
Die SPD reduziert sich bei dieser Frage zu einer Größe am Rande des demokratischen Spektrums. Zu lange ist sie den lauttönenden Gewerkschaftsvertretern nachgelaufen, die aber im Wesentlichen nur ihr eigenes Klientel im Auge hatten, während die Grünen, den Seitenhieb kann ich mir nicht verkneifen, ohnehin vorrangig die bildungsbürgerliche Mittelschicht hätscheln.
So sind die Abgehängten politisch heimatlos geworden, und das könnte sich, so diese Menschen dann wählen gehen, am Wahltag bitter rächen. Mir schwant nichts Gutes.

Paperback

Schallblech, 27. Juli 2016, 10:11 Uhr


Da stimme ich dir voll zu, Paperback!
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login

Alwite, 9. September 2017, 19:03 Uhr


http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2017/Poebler-gegen-Merkel-Hau-ab-Du-Volksverraeterin-,merkel2678.html

Ist mit "Abgehängten" dieser Wähler-Anteil gemeint?

Unsere Regierung ist mein - und unser aller verlängerter Arm. So fern ich eine DEMOKRATISCHE Partei wähle, können Mehrheitsbeschlüsse falsch oder richtig sein, in keinem Fall möchte ich sie mit Syrien, Libyen oder einem anderen Land eintauschen.

http://www.ardmediathek.de/tv/Panorama/Panorama-die-ganze-Sendung/Das-Erste/Video?bcastId=310918&documentId=45761438

>Wir müssten es jetzt nur langsam auch mal wirklich tun< Die Lösung wird anscheinend längst in organisiertem Gruppen-Ermessen umgesetzt.
Bitte melden Sie sich erst an, um eine Antwort zu verfassen
zum Login
Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Per E-Mail empfehlen