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Im Rückblick ist es manchmal erstaunlich, wie sich das Leben entwickelt hat. Richtige und falsche Entscheidungen, scheinbar zufällige Wendungen, Menschen und Zeiten haben uns zu denen gemacht, die wir sind – auch, wenn wir uns manches vielleicht ganz anders vorgestellt haben. Wer dabei wie Paulus die Perspektive des Glaubens einnimmt, der kann hoffentlich einstimmen in seinen Satz: „Mir ist Barmherzigkeit widerfahren“ – und auf dieser Grundlage getrost weitergehen. Foto: nuvolanevicata
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Michael Biesewinkel (28) ist Beauftragter für die Öffentlichkeitsarbeit beim Diakonischen Werk im Kirchenkreis Lübbecke.

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Offen für das Leben

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 24 / 2016

12. Juni 2016

Über den Predigttext zum 3. Sonntag nach Trinitatis: Timotheus 1, 12-17

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Im Rückblick ist es manchmal erstaunlich, wie sich das Leben entwickelt hat. Richtige und falsche Entscheidungen, scheinbar zufällige Wendungen, Menschen und Zeiten haben uns zu denen gemacht, die wir sind – auch, wenn wir uns manches vielleicht ganz anders vorgestellt haben. Wer dabei wie Paulus die Perspektive des Glaubens einnimmt, der kann hoffentlich einstimmen in seinen Satz: „Mir ist Barmherzigkeit widerfahren“ – und auf dieser Grundlage getrost weitergehen. Foto: nuvolanevicata
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Michael Biesewinkel (28) ist Beauftragter für die Öffentlichkeitsarbeit beim Diakonischen Werk im Kirchenkreis Lübbecke.

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Predigttext
12 Ich danke unserm Herrn Christus Jesus, der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, 13 mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger und ein Frevler war; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben. 14 Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist. 15 Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. 16 Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. 17 Aber Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen

Wenn ich über die Stimmung im Land gegen geflüchtete Menschen nachdenke, so sorge ich mich – ohne zugleich die dahinterliegenden Ängste aus dem Blick zu verlieren. Was muss geschehen, um einen positiveren Blick auf diese Menschen zu bekommen?
Gegebenenfalls hilft es, die Perspektive zu verändern. Wir können an Paulus selbst sehen, dass dadurch sogar eine komplette Lebenswende möglich ist. Er erzählt begeistert davon, und er möchte, dass jeder davon erfährt. Vielleicht, so wünsche ich mir, gelingt es ja auch manchem Kritiker der Aufnahme geflüchteter Menschen in unserem Land, seinen Blick zu weiten, ohne seine Sorgen gänzlich zu verdrängen.

Offen bleiben für das Neue

Ich kenne es selber nur zu gut: Wie oft im Leben war ich überzeugt von einem scheinbar schlüssigen Gedankengang. So überzeugt, dass ich auf stur geschaltet habe und nicht offen war für Gegenargumente und einen fairen Dialog. Im privaten Bereich hat das die eine oder andere Freundschaft gekostet.
So manche Meinungsverschiedenheit hätte ausgeräumt oder gar vermieden werden können, wenn ich offener auf die andere Seite zugegangen wäre. Oft habe ich geglaubt, dass ich angreifbar werde, wenn ich zu oft meine Position verändere und meine Arme weit mache.
Offenheit und Begegnung ist, davon bin ich überzeugt, auch einer der Schlüssel im Umgang mit geflüchteten Menschen. Bisher war für mich jeder Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen ein Schatz in vielfacher Hinsicht. Ich habe meinen kulturellen Horizont erweitert und habe gelernt, dass es nicht immer um das „Höher, Schneller und Weiter“ unserer scheinbar rasenden Zeit geht, sondern dass ein Leben seine wahre Tiefe manchmal erst in der Rast bekommt. Ich freue mich über Abwechslung und Farbe in meinem Leben und bin dankbar für vieles, was für mich schon selbstverständlich fast grau erscheint.
Paulus macht es ähnlich. Er schaut auf die Vergangenheit und lässt sich anrühren von Gottes barmherziger Liebe, die ihn schon immer begleitet hat. Erst jetzt, in der persönlichen Umkehr und durch den Wechsel der Perspektive, spürt er die Wärme, die von Gottes Nähe ausgeht, und er antwortet darauf in tiefer Dankbarkeit. Wir können uns davon anstecken lassen.
Ich glaube, dass wir auch in der Begegnung mit geflüchteten Menschen durch verschiedene Perspektiven nicht nur Herausforderungen, sondern auch Chancen erkennen können. Da sind Ängste und Vorurteile auf beiden Seiten, welche durch Brücken der Verständigung miteinander in Einklang gebracht werden können. Auch hier hört man immer wieder von positiven Beispielen.

Auch das Unscheinbare ist Grund zum Danken

Gelingt der Prozess der Annäherung, so kann unsere Gesellschaft gestärkt werden. Ich bin zuversichtlich und freue mich darauf. Wenn Menschen ihre Heimat verlassen und ihre Familien zurücklassen müssen, dann muss die Not unvorstellbar groß sein. Die Fernsehbilder der letzten Woche lehren mich, mit Dankbarkeit offener umzugehen. Oft lebe ich im Alltag gedankenlos und halte vieles für selbstverständlich und lerne gerade jetzt, wie wertvoll auch die kleinen und unscheinbaren Dinge sind. Auch hier können wir etwas von Paulus lernen, der seine Dankbarkeit am Ende seiner freudigen Erzählung noch einmal intensiviert, indem er Gott lauthals ehrt und preist. Ich wünsche Ihnen und mir herzlich viele Momente und Möglichkeiten zur Dankbarkeit.

Gebet: Lieber Gott, danke, dass ich still und leis, dich in meiner Nähe weiß und dass auch die kleinen Freuden mir durch dich den Tag vergolden. Danke, denn in schweren wie in leichten Stunden fühl ich mich mit dir verbunden. Du nimmst an und wertest nicht und wahrst jedem so sein Angesicht. Amen.

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