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Der Herr segne und behüte dich – die Sprache der Liturgie im Gottesdienst ist stark ritualisiert. Die Sprache der Predigt dagegen sollte es nicht sein. Foto: epd-bild

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Mut zur Alltagssprache

Gottesdienst

Birge-Dorothea Pelz

Kirchensprache sei verstaubt und unverständlich, meinen Kritiker. Andere sehen in den überlieferten Formulierungen der Liturgie einen Schatz

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Der Herr segne und behüte dich – die Sprache der Liturgie im Gottesdienst ist stark ritualisiert. Die Sprache der Predigt dagegen sollte es nicht sein. Foto: epd-bild

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Es ist ein alter Vorwurf: Die Sprache der Kirche sei altmodisch und unverständlich; sie verliere sich in abgegriffenen Formeln oder unverständlichem Theologen-Sprech. Dabei sollte es doch darum gehen, die Frohe Botschaft möglichst ansprechend unter die Leute zu bringen. „Es ist geradezu dumm, nicht verstanden zu werden, wenn man darum werben muss, dass die Menschen zu einem kommen“, schreibt zum Beispiel der Kirchensprachen-Kritiker Erik Flügge in seinem gleichnamigen Internet-Blog.
Aber wie macht man das: Verständlich vom Glauben sprechen? Sollte es möglichst einfach sein, auf die Gefahr hin, dass das Geheimnisvolle, Mächtige und Unbegreifliche Gottes verloren geht? Oder wird das Evangelium besser  in „heiliger Sprache“ verkündet, die vielleicht nicht von jedem bis ins Kleinste verstanden wird, aber genau diese Tatsache deutlich macht, dass wir mit unserem menschlichen Horizont nicht alles erfassen können?

Die Liturgie wirkt seit Jahrhunderten

Genau hier setzt der Forschungsbereich von Alexander Lasch an: Der Wissenschaftler der Universität Kiel untersucht Sprache und Religion als Gegenstand der Linguistik. Er unterscheidet zwei Sondersprachen der Kirche: den Kirchensoziolekt, also die über Jahrhunderte gewachsene Sprache unter Christen, und die theologische Fachsprache der Wissenschaft.
Im gottesdienstlichen Ritus pflege Kirche eine besondere, konservative Sprache als Teil ihrer 2000-jährigen Tradition, erklärt der Wissenschaftler. Über die Jahrhunderte habe die Kirche ihre Abläufe perfektioniert, ihre Handlungen eingeübt, sich die Wirkungen des Ritus bewusst gemacht. Diese streng ritualisierte Sprache bewahre die Identität der Kirche auf der ganzen Welt über die Jahrtausende, sei aber für den Einzelnen entbehrlich.
„Für jemanden, der alt und taub ist, sind die Worte egal, aber er bleibt Teil der Gottesdienstgemeinschaft, hat Anteil am Segensgeschehen“, so Lasch. Gottesdienstliche Kommunikation spreche im besten Falle alle Sinne an, das sei gerade der „Schatz der Kirche und ihrer Traditionen“. Daher, so betont der Wissenschaftler,  gebe es keinen Grund, gesellschaftlichen Entwicklungen hinterherzulaufen. Denn in der Tradition sei die Kirche Expertin; in der Moderne bleibe sie dagegen stets hinter gesellschaftlichen Trends.
„Adressatenorientierung“ lautet das Zauberwort seit den 1970er Jahren. „Macht’s wie der Chef. Jesus hat sich doch auch Mühe gegeben, irgendwie verständlich zu sein“, erklärte der 28-jährige Flügge den Pastoren in seinem Blog. „Darf ich einen Deal vorschlagen: Sprecht doch einfach über Gott, wie ihr beim Bier sprecht, menschlich, nah und nicht zuletzt verständlich.“
Klingt einfach, ist es aber nicht, antwortete ihm der Theologiestudent Steve Kennedy Henkel auf der Website www.evangelisch.de. Grundsätzlich stimmt er Flügge in dessen Kritik zu. Den besonderen Sprachstil in der Kirche hält der Student für ein Krisensymptom: Viele Prediger wüssten gar nicht, wie sie über ihren Glauben reden könnten, weil sie vielleicht gar nicht wissen, was sie glauben. Deshalb könnten sie auch anderen „kein Gefühl dafür vermitteln, wie es ist zu glauben“, meint er.

Im Studium fehlt die Glaubenssprache

Die Ursache dafür sieht Henkel in mehreren Bereichen. Im Studium werde eine wissenschaftliche Sprache eingeübt, alltägliche Glaubenssprache bleibe auf der Strecke. Nach dem Wechsel vom Hörsaal auf die Kanzel predigten viele Theologen weiterhin „vermeintlich objektiv“ in theologischer Fachsprache. Im Gottesdienst selbst verfielen viele Pastoren in den Modus des Erklärens, so Henkel, was die Gemeinde unterfordere. In der Predigt bittet er um Mut zur Alltagssprache. Und: Rituale sollten ohne Handlungsanweisungen auskommen.
Alexander Lasch teilt diese Ansicht aus seiner sprachwissenschaftlichen Perspektive. „Wenn der Pastor im Gottesdienst Anweisungen geben muss, wann sich die Gemeinde setzen und hinstellen soll, hat der Ritus seinen Sinn verloren“, sagt er. Alte Formeln seien nicht veraltet, sondern erfüllten eine wichtige Funktion: Sie verbinden die Gottesdienstgemeinden weltweit über Länder, Sprachgrenzen und Jahrhunderte hinweg. „Gloria in excelsis Deo“ singen Christen aller Konfessionen überall. Das symbolisiert trotz aller Kirchenspaltungen den gemeinsamen Ursprung der Kirche.
„Wer beim Glaubensbekenntnis mitlesen muss, offenbart sich der restlichen Gemeinde als „Unkundiger“, so Lasch. Werde im Gottesdienst ein anderes Glaubensbekenntnis gebetet, breche die Kommunikationsform plötzlich zusammen: Alle müssten blätternd den Text im Gesangbuch suchen und mitlesen, die integrative Kraft des gemeinsam auswendig gemurmelten Gebets ist dahin. Fazit: Die Liturgie lebt von der Wiederholung alter Riten und Formeln, die Predigt geht daran zugrunde.

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