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Deutsch lernen: Für die neuen Schülerinnen und Schüler grundlegende Voraussetzung. Dann klappt auch gemeinsamer Unterricht. Fotos: Dirk Purz
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Hilft beim Verstehen: Welche Erlebnisse haben diese Kinder im Gepäck?
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Langer Atem gefragt

Flüchtlinge

Jannika Haupt | 7. April 2016

Eigentlich hätte die Evangelische Gesamtschule in Gelsenkirchen-Bismarck keine Flüchtlingskinder aufnehmen müssen. Sie wollte es trotzdem tun. Erfahrungen aus dem gemeinsamen Schulalltag: Es geht voran – aber alle Beteiligten brauchen Ausdauer

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Deutsch lernen: Für die neuen Schülerinnen und Schüler grundlegende Voraussetzung. Dann klappt auch gemeinsamer Unterricht. Fotos: Dirk Purz
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Im vergangenen Sommer stellte sich für die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck die Frage nach der Beschulung von Flüchtlingskindern. Als Ersatzschule ist sie dazu rechtlich nicht verpflichtet. Die Diskussion in der Lehrerkonferenz zeigte aber, dass wir als Kollegium uns verpflichtet fühlen, hier keine Ausnahme zu bilden. Mit einer deutlichen Mehrheit von über 90 Prozent stimmte das Kollegium in geheimer Wahl für die Aufnahme von Flüchtlingen an der EGG.  
So kamen wir also vom „Ob“ zum „Wie“. Schnell war klar, dass es keine reine „Auffang-Klasse“ geben sollte, in der die neuen Schülerinnen und Schüler in einer separaten Gruppe zusammengefasst werden und mehr oder weniger getrennt vom restlichen Schulalltag Deutsch lernen. Allerdings ist für die Teilhabe der Kinder am Alltagsleben der Spracherwerb natürlich der zentrale Punkt.
In einer Kollegiumsarbeitsgruppe wurde ein „Mischkonzept“ entwickelt, Material zum Spracherwerb gesichtet, angeschafft und eine erste Orientierung im Behördenreglement unternommen. Jeden Morgen sollten die Schülerinnen und Schüler intensiv Deutsch lernen. Anschließend würden sie am Mittags- und Nachmittagsunterricht in einer Regelklasse teilnehmen.

Nichts war klar. Trotzdem: Erst mal anfangen

Bei all diesen Vorüberlegungen wussten wir noch gar nicht, wer da zu unserer Schulgemeinde dazukommen würde – und das schon bald. Wie alt würden die Schülerinnen und Schüler sein? Funktioniert damit eine Verteilung auf die Jahrgänge? Würden sie Sprachen-Vorkenntnisse haben?
Nach den ersten Gesprächen mit der Stadt Gelsenkirchen war es soweit: Die Stadt wies unserer Schule Mitte September 20 Kinder aus Syrien und Irak zu. Eine Woche vor den Herbstferien kamen sie an; nach und nach, verteilt über zwei Tage.
Man könnte versucht sein, das als „Mentalitätssache“ abzustempeln. Aber wir machten die Erfahrung, dass es ein Sprachproblem war. Extremstes Beispiel: Der Bruder einer Mutter, der seit fünf Jahren in Hannover lebt, musste sich einen Tag freinehmen, um nach Gelsenkirchen kommen und den Neffen zur Schule zu bringen. Wir dachten: Mit Händen und Füßen, ein paar Brocken Deutsch hier, ein bisschen Englisch da und ganz viel gutem Willen, da werden wir die ersten Tage schon meistern. Aber Überraschung: Erst einnmal war gar nichts über sprachliche Verständigung zu lösen.
Anträge für ein Schokoticket, der erste Formalkram zum Ankommen in der Schule ... ohne die Hilfe von arabischsprachigen Eltern aus der Schülerschaft, einem schnell und wenig formal organisierten Übersetzer und Nachfragebereitschaft der neuen SchülerInnen wäre das nicht möglich gewesen.
Von überall erfahren wir seitdem Unterstützung aus der Schulgemeinde. Schülerinnen, Schüler, Ehemalige unterstützen uns mit Nachhilfestunden. Eltern investieren Nachmittage, bringen Spiele mit. Kolleginnen und Kollegen machen Zusatzangebote. Auch über die Schule hinaus werden wir unterstützt; etwa von der Apostel-Kirchengemeinde, die Spenden aus Veranstaltungen an uns weiterleitet.

Unterricht von acht bis 16: Das war einfach zu viel

Die ersten Wochen machten schnell deutlich, dass unser Konzept der Überarbeitung bedurfte. Der Deutschunterricht am Morgen wurde in zwei Kompetenzstufen-Klassen mit jeweils etwa zehn Schülerinnen und Schülern geteilt. Auch der Schultag musste noch einmal anders aufgeteilt werden. Ein Schultag von acht bis 16 Uhr war für die Kinder einfach zu viel. Todmüde begegneten sie uns in der Mittagspause. So wurde das Konzept „Spielend Deutsch lernen“ für den Nachmittag entwickelt. Der Schulleiter Volker Franken empfindet dieses „work in progress“ als „einen Bereich, wo wir pädagogisches Arbeiten auch noch einmal als Schule ausprobieren dürfen“.
Das ist die große aktuelle Herausforderung: Formen zu finden und zu schaffen, die gutes Lernen ermöglichen. Die „zwei Seiten“ des Spielend Deutsch Lernen lassen sich gut in einer Gegenüberstellung festhalten.
So formuliert unsere Schulpfarrerin Britta Möhring: „Ich spiele Memory mit zwei der zehnjährigen Jungen. Und mal wieder gewinnt G. Ausgerechnet G., der uns im Unterricht so viel Sorgen macht, weil er auch nach zwei Monaten noch fast nichts verstand. Memory – und auch all die anderen Spiele, das kann er. Da ist er hoch konzentriert, ehrgeizig, ausdauernd. Und einen Monat später macht er auf einmal auch Fortschritte im Deutschunterricht.“
Die Älteren dagegen empfinden es als albern, etwa über das Kartenspiel Uno Deutsch zu lernen. Sie brauchen größere Herausforderungen. Aber Spaß machen soll es auch.
Und so gibt es überall größere und kleinere Hürden. Die Schülerinnen und Schüler lernen ja nicht nur Deutsch, sondern auch einen völlig neuen Alltag. Regeln müssen erklärt und eingehalten werden. Ob das der Unterrichtsbeginn zu jeder Stunde mit dem Klingeln ist oder die Verbindlichkeit des Stundenplans.
Eine Kollegin fasst das so zusammen „Manchmal vergesse ich, dass es „besondere SchülerInnen“ sind – und ich ärgere mich über Unpünktlichkeit, faule Ausreden und ,Hauptsache: gut aussehen´. Vielleicht ist es ja gut, dass ich sie ganz normal behandele, wie eben andere SchülerInnen auch. Aber dann erinnere ich mich dann doch – und frage mich: Wie ist es ihnen auf der Flucht ergangen? Wie war es, so vieles zurückzulassen? Gerade auch Menschen. Und vor allem: Wie kommt es, dass sie oft so freundlich und fröhlich sind?“
Im Unterricht sprechen wir über die Unterschiede von Schule in Syrien und Irak im Vergleich mit der EGG. Bei all den Bekundungen, dass es hier an der Schule allen „sehr sehr gut gefällt“, wird uns eines doch immer wieder bewusst. Etwa wenn R. erklärt, „im Irak konnte ich mit Freunden sprechen, am Unterricht teilnehmen, Fragen beantworten und Texte schreiben – das geht hier nicht“. Oder B. fast nebenbei schildert: „Einmal haben wir Maschinengewehre gehört und in der Schule zwei Stunden unter den Tischen gesessen, bis es aufgehört hat.“ Oder N. erzählt: „Neben der Schule war eine Bombe, da waren viele Schüler tot.“ Welche Erlebnisse haben unsere „Neuen“ im Gepäck!  Da wird auch in unseren Köpfen wieder vieles zurechtgerüttelt.
Die Schulregeln werden deswegen nicht weniger verbindlich. Aber die eigene Geduld wird hier gemahnt. Und die Erinnerung daran, dass eben nicht alles „normal“ ist. Das „entspannt“ vieles wieder.
Auch bei uns ist, wie überall, die Anfangseuphorie und Neugierde unserer „alten“ Schülerinnen und Schüler an vielen Stellen dem Alltag gewichen „Was sollen wir denn mit denen reden?“ „Die geht in der Pause ja immer nur zu ihren syrischen Freundinnen.“ „Ich habe das Gefühl, der interessiert sich gar nicht für uns.“
Das ist verständlich. Und oft frustrierend für alle. Aber genauso selbstverständlich ist es für uns, alles daran zu setzen, einen guten gemeinsamen Rhythmus zu finden. Um noch einmal Schulpfarrerin Britta Möhring zu zitieren: „Ausdauer haben, Ausdauer entwickeln – Integration ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint.“
Unser Fazit: Wir sind gut angekommen ... im Ankommen.

Die Autorin, Jannika Haupt, ist Lehrerin für Geschichte und Evangelische Religionslehre an der EGG seit 2014.

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