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Wie verbindlich ist das Alte Testament für das Christentum? Der theologische Streit darüber geht weiter. Foto: B. Wylezich

»Niemand will das Buch zerschneiden«

Theologenstreit über das Alte Testament

Aus dem Archiv (29.04.2015)

Im Theologenstreit über das Alte Testament erhält der Theologieprofessor Notger Slenczka Schützenhilfe. Bischöfe gehen dabei auf Distanz.

Für den Universitätsgottesdienst, der an diesem Sonntag in der Sophienkirche in Berlin-Mitte gefeiert wird, ist Slenczka (55) als Prediger angekündigt. »Mir stehen die Haare zu Berge«, ein Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Hiob, ist Thema der Predigtreihe »In aller Munde«, über das der evangelische Theologieprofessor sprechen wird.## Slenczka ist derzeit unter Theologen »in aller Munde«. Löste er doch in der Zunft eine lebhafte Diskussion aus, die an die Auseinandersetzung über die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 erinnert. Das von römisch-katholischer Kirche und dem Lutherischen Weltbund ausgehandelte Ökumene-Dokument war unter evangelischen Theologen in Deutschland auf massiven Widerspruch gestoßen. Gegenstand des aktuellen Streits ist der 2013 erschienene Aufsatz »Die Kirche und das Alte Testament«. Darin erörtert Slenczka die Frage, welchen Rang das Alte Testament für die christliche Kirche und Theologie hat. Sein provokante These: Das Alte Testament kann für Christen nie dieselbe Bedeutung haben wie das Neue Testament. Mit Bezug auf den renommierten Theologen Adolf von Harnack (1851-1930) regt er deshalb an, das Alte Testament unter den Apokryphen einzuordnen. Also jenen Texten des Judentums, die nicht zum biblischen Kanon, den Heiligen Schriften gehören. Schon in ihren Beiträgen zum »Marburger Jahrbuch Theologie«, in dessen 25. Ausgabe der Slenczka-Aufsatz erschien, gingen Fachkollegen des Dogmatikprofessors auf Distanz zu dessen Sichtweise. Doch außerhalb der akademischen Theologie fand der Beitrag erst Aufmerksamkeit durch eine unlängst publizierte Stellungnahme des Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Dessen evangelischer Präsident, Pfarrer Friedhelm Pieper, prangert darin einen »handfesten theologischen Skandal im gegenwärtigen deutschen Protestantismus« an. Slenczka verlasse mit seiner These einen »Grundkonsens christlicher Theologie« und kehre zurück in »die theologische Sackgasse des deutschen Kulturprotestantismus«. Die Skandalisierung nahm daraufhin ihren Lauf: zunächst kam Gegenwind von fünf Hochschullehrern der Berliner Humboldt-Universität, in deren Theologischer Fakultät es offensichtlich Zerwürfnisse gibt. Slenczkas Äußerungen zur Bedeutung des Alten Testaments für die christliche Theologie seien »historisch nicht zutreffend und theologisch inakzeptabel«. Es stehe außer Zweifel, dass die Hebräische Bibel ebenso wie das Neue Testament »Quelle und Norm« der evangelischen Theologie sei und bleibe, heißt es in der Wortmeldung. Unterzeichnet ist sie unter anderem von dem Kirchenhistoriker Christoph Markschies, der Vorsitzender der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist. Auch evangelische Bischöfe gehen auf Distanz. Die Slenczka-Thesen widersprächen dem Bekenntnis der evangelischen Kirche und verließen die hergebrachte Lehrtradition, sagte der Berliner Bischof Markus Dröge vor wenigen Tagen auf der Landessynode. Vor einer Abwertung des Alten Testaments warnte auch der badische Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh. »Wir haben da eine besondere Verantwortung. Der Antijudaismus hat den Antisemitismus befördert«, mahnte er in der der »Frankfurter Allgemeine Zeitung« (Mittwochsausgabe). Und der Ägyptologe Jan Assmann sagte in der »Zeit«-Beilage »Christ & Welt«, eine Kirche ohne die Hebräische Bibel stehe in der Gefahr, zur Sekte zu werden. Doch es gibt auch Rückenstärkung für Slenczka. »Niemand an der Theologischen Fakultät will das Buch zerschneiden, in dem Altes und Neues Testament als die christliche Bibel verbunden sind«, nehmen sechs Humboldt-Professoren, darunter Andreas Feldtkeller und Dorothea Wendebourg, in einem Leserbrief an die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« ihren Kollegen in Schutz. Die Frage zum Verhältnis von Altem und Neuem Testament sei ein ernsthaftes wissenschaftliches Problem, das international und interdisziplinär thematisiert werde. Entschieden widersprechen die Theologen Darstellungen, Slenczkas Position sei Ausdruck einer antijüdischen Einstellung. Sie werben dafür, die Streitfragen »zivilisiert« und an den »Zehn Geboten« orientiert zu klären. Hochschullehrer, die das Fach Altes Testament vertreten, halten sich in der Debatte bislang auffällig zurück. Dies sei jedoch keineswegs als Zustimmung zu den Slenczka-Thesen zu deuten, versichert ein Alttestamentler dem epd. epd