hg
Ohne geht es nicht: Nach dem Untergang der Sowjetunion haben die Amerikaner im internationalen Terrorismus ein neues Feindbild gefunden. Foto: Sergey Skryl

Verschwörungstheorien und Kalter Krieg

Amerikaner und ihre bizarre Paranoia

Aus dem Archiv (28.08.2013)

Die Verfolgung des Geheimdienst-Enthüllers Edward Snowden ist nach Einschätzung des Münsteraner Historikers André Krischer auch Ausdruck eines in den USA verbreiteten Verschwörungsdenkens.

»Die Sicherheitsbedürfnisse der USA haben einen so hohen Rang, dass man bereit ist, Leute massiv zu verfolgen, die von der übrigen Welt als Aufklärer wahrgenommen werden«, sagte der Kriminalitätshistoriker dem Evangelischen Pressedienst (epd). »Die USA haben weiterhin die Mentalität des Kalten Krieges.« ## An die Stelle der Sowjetunion sei als Feindbild der internationale Terrorismus gerückt. Mit Blick auf den früheren US-Geheimdienstmitarbeiter Snowden und Enthüllungen der Plattform »Wikileaks« würden Bedrohungsszenarien entworfen, »die haarsträubend klingen, aber als Anklage vor Gericht gebracht werden können«, erläuterte Krischer. Dabei gehe es vor allem darum, an wen etwas verraten wird: Dem zu 35 Jahren Haft verurteilten Wikileaks-Informanten Bradley Manning sei vor allem vorgeworfen worden, dass er mit seinen Veröffentlichungen der Terrororganisation Al-Kaida helfe - schließlich seien die für alle zugänglichen Informationen auch für Terroristen abrufbar. Das sei eine bizarre Konstruktion von Verrat. Nach Einschätzung des Historikers, der zur Geschichte des Verrats und der Verschwörung forscht, herrscht in den USA ein konspiratives Denken, das sich bereits in der McCarthy-Ära der 50er Jahre gezeigt habe. Verschwörungstheorien, nach denen Verräter für eine riesige Bedrohung verantwortlich sind, gebe es vor allem im angelsächsischen Denken, erläuterte Krischer. So hätten im England des 16. und 17. Jahrhunderts die Jesuiten generell unter Verratsverdacht gestanden - es wurde geargwöhnt, dass sie mit Spanien oder Frankreich kooperieren, um England zu überfallen. Teile von Politik und Justiz belegten Manning und Snowden jetzt wieder mit dem Begriff des »Verräters«, sagte Krischer. Verräter seien für sie die »ultimativen Verbrecher dieser Welt«. Der Begriff klinge nach den »Volksverrätern« im Nationalsozialismus, schlimmsten Stalinismus-Zeiten oder der Beschimpfung von Deserteuren in der Nachkriegszeit. »Das ist lange Zeit weg gewesen, und heute kommt es plötzlich wieder«, sagte Krischer: »Seit Wikileaks sind die Zeitungen wieder voll von 'Verrätern'«. Dabei gebe es eigentlich auch ein positives Verständnis des Worts »Verrat«: Danach seien Whistleblower keine Bösewichte, sondern Leute, die aufklären und Missstände aufdecken. epd