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Über körperliche Übergriffe im Sportbereich ist wenig bekannt - obwohl hier die körperliche Nähe viel häufiger gegeben ist. Foto: Michael Chamberlin

Gute Internate sind Schutzräume gegen Übergriffe

Psychiater warnt vor Generalverdacht

Aus dem Archiv (13.04.2010)

Der langjährige Leiter des Internats Schloss Salem, Bernhard Bueb, hat die Internate angesichts der Fälle von sexuellem Missbrauch in Schutz genommen.

Die Internate würden derzeit »in einem Maße schuldig gesprochen, wie sie es nicht verdienen«, sagte Bueb. Dort werde eine schärfere soziale Kontrolle ausgeübt als in der Familie, wo bekanntermaßen die meisten Fälle von Missbrauch vorkämen. Daher seien gut geführte Internate sogar Schutzräume gegen Übergriffe. Auch der Zölibat habe den Missbrauch nicht besonders befördert, sagte Bueb. ## Pädophile fühlten sich jedoch von Einrichtungen angezogen, in denen sie mit Kindern umgehen könnten. Das sei aber nicht kirchenspezifisch. »Die Täter gehen in Schulen, in Internate, in Jugendclubs, zu den Pfadfindern und in Sportvereine.« Bisher sei wenig über sexuelle Übergriffe in Sportvereinen bekannt, obwohl dort die körperliche Nähe stärker gegeben sei als in anderen Einrichtungen. Auch der Bestseller-Autor Manfred Lütz warnte davor, aufgrund der Welle von bekannt gewordenen Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche vorschnell zu urteilen: »Der Zölibat ist eine merkwürdige Lebensform, deswegen irritiert er die Leute so.« Statistisch gesehen komme der Missbrauch von Kindern durch nicht-zölibatär lebende Männer in der restlichen Gesellschaft viel häufiger vor, sagte der katholische Theologe und Psychiater dem epd. Lütz betonte, dass es weder die gesellschaftlichen noch die kirchlichen Verhältnisse seien, die Kinderschänder hervorbrächten. »Genauso wenig ist es wahlweise allzu repressiver oder allzu permissiver Umgang mit Sexualität.« Pädophile suchten sich Berufe aus, bei denen sie in Kontakt mit Kindern kämen. Leider gebe es noch keine seriösen psychologischen Tests, mit denen man eine solche Orientierung zeitig feststellen könne. Bueb betonte: »In einem gut geführten Internat ist es schwierig, sich an Kindern zu vergreifen.« Bueb war Schüler am Jesuiteninternat St. Blasien, leitete 31 Jahre das Internat Schloss Salem und war zuvor Lehrer an der Odenwaldschule. Statistisch gesehen seien Missbrauchsfälle in diesen Einrichtungen relativ gering. Auch in der reformpädagogischen Odenwaldschule sei es nur unter dem Schulleiter Gerold Becker zu Vorfällen gekommen, »weil der Kontrolleur selbst der Haupttäter war«. Aus den anderen 85 Jahren der Odenwaldschule sei nichts bekannt. Wie am Wochenende bekannt wurde, sollen im bayerischen Kloster Ettal etwa 15 Patres, darunter ein früherer Abt, weit mehr als hundert ihrer Schutzbefohlenen systematisch gequält und sexuell missbraucht haben. Das geht dem Nachrichtenmagazin »Focus« zufolge aus dem Abschlussbericht hervor, den der Sonderermittler der katholischen Kirche in den kommenden Tagen vorstellen wird. Das Vertrauen in die katholische Kirche schwindet einer Umfrage zufolge unter dem Eindruck der bekannt gewordenen Missbrauchsfälle. epd