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Endstation Freiheit: In einem Buch untersucht das Diakonische Werk das Schicksal von Heimkindern in diakonischen Einrichtungen. Foto: Georg Preissl

Diakonie-Präsident entschuldigt sich

Ehemalige Heimkinder

Aus dem Archiv (16.05.2009)

Der Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Klaus-Dieter Kottnik, hat die bundesweit erste wissenschaftliche Untersuchung über das Schicksal von Heimkindern in diakonischen Einrichtungen der 1950er bis 1970er Jahren vorgestellt.

»Ich bedauere zutiefst, was damals im Namen der Diakonie geschehen ist«, sagte Kottnik. Das 370-seitige Buch »Endstation Freistatt« untersucht die Erziehungsmethoden in der »Diakonie Freistatt« bei Bremen, die für viele Zöglinge von Zwang, Gewalt und Willkür geprägt waren.## Rund 7.000 Jungen hätten zwischen 1949 und 1974 in dem Tochterunternehmen der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel (Bielefeld) gelebt. »Ich habe mir bis vor zwei Jahren nicht vorstellen können, dass wir so etwas in unserer Geschichte der Diakonie mitschleppen«, sagte Kottnik. Mehrere Hunderttausend Kinder und Jugendliche waren in der frühen Bundesrepublik oft aus nichtigen Anlässen in vorwiegend kirchliche Heime eingewiesen worden. Viele von ihnen wurden geschlagen und zur Arbeit gezwungen. Eine Schulausbildung erhielten sie häufig nicht. Manche durchlitten sexuelle Misshandlungen. Er habe früher von Einzelschicksalen gesprochen, sagte der Präsident weiter. Heute wisse er, dass dies eine unzulässige Bagatellisierung sei. Das erzieherische Handeln in Freistatt und anderen Einrichtungen überträfe bei weitem das, was damals in den Schulen und Familien üblich war. »Ich will, dass es für die Betroffenen in irgendeiner Form eine Wiedergutmachung gibt«, betonte Kottnik. Der vom Bundestag im Februar eingerichtete »Runde Tisch Heimerziehung«, an dem sich auch die Diakonie beteiligt, wolle Ende Juni erste Vorschläge unterbreiten. In dem Buch stehen neben der wissenschaftlichen Darstellung und Aufarbeitung auch die Aussagen und Einschätzungen Betroffener. Der Betheler Vorstandsvorsitzende, Pastor Ulrich Pohl, sagte, in Freistatt sei damals versucht worden, die Jugendlichen zum Teil mit drakonischen Strafmaßnahmen zu disziplinieren. »Die Fürsorgeerziehung geschah auch in den Betheler Einrichtungen in einem System, das häufig von Gewalt, Einschüchterung und Angst geprägt war.« Er sei sehr dankbar, dass sich die Betroffenen zu den Gesprächen bereiterklärt hätten, die auf Wunsch auch therapeutisch begleitet worden seien. Der Titel des Buches »Endstation Freistatt« mache deutlich, wie ausweglos viele Kinder und Jugendliche ihre Situation empfunden hätten. »Für viele war Freistatt dann aber Gott sei Dank doch eine schmerzhafte, aber vorübergehende Zwischenstation«, sagte Pohl. Das gelte auch für die Pädagogik, die sich weiterentwickelt habe. Die Aufarbeitung sei mit dem Buch noch längst nicht abgeschlossen. In der kommenden Woche solle es weitere Gespräche mit den Betroffenen geben. Der hannoversche Diakonie-Direktor Christoph Künkel sagte, in Gesprächen mit ehemaligen Heimkindern werde immer wieder deutlich, dass viele Wunden von damals noch offen seien. Er schäme sich für das Unrecht und die Gewalt, die Menschen in den Einrichtungen der Diakonie angetan worden seien. Er sei dankbar dafür, dass diejenigen jetzt endlich öffentlich Gehör fänden, deren Würde damals so verletzt worden sei. Auch die hannoversche Landeskirche bemühe sich, dieses dunkle Kapitel ihrer Diakonie aufzuarbeiten. Zurzeit erstelle eine Historikerin eine dreibändige wissenschaftliche Untersuchung. Sie beinhalte eine Dokumentation von rund 100 Gesprächen mit ehemaligen Heimkindern und Mitarbeitern. Die Bände würden durch Materialien aus Archivrecherchen ergänzt und sollen bis Mai 2010 veröffentlicht werden. epd