hg
Ulrich Bach

Ein Mahner der Kirche

Ulrich Bach verstorben

Aus dem Archiv (13.03.2009)

„Ohne die Schwächsten ist die Kirche nicht ganz.“ Das war die Überzeugung des früheren Pastors der Evangelischen Stiftung Volmarstein, Dr. Ulrich Bach.

Nach langer Krankheit starb er am 8. März im Alter von 77 Jahren in Kierspe-Rönsahl. Bundesweit bekannt wurde Ulrich Bach, der wegen einer Polio-Erkrankung seit seinem Theologiestudium auf den Rollstuhl angewiesen war, durch sein entschiedenes Eintreten für eine Kirche als „Gemeinschaft behinderter und nicht behinderter Menschen“. ## Vor seinem Ruhestand war Ulrich Bach Pastor in der Evangelischen Stiftung Volmarstein und Dozent für Neues Testament und Dogmatik an der Diakonenanstalt Martineum in Witten. In zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen mahnte er Kirche und Diakonie zu einem Umdenken gegenüber behinderten Menschen. Er wollte sie theologisch nicht mehr als Objekte der Nächstenliebe nicht behinderter Menschen, sondern als eigenständige Subjekte wahrgenommen wissen, die in einem solidarischen Geben und Nehmen zusammen leben. „Ob ein Mensch Mann oder Frau ist, blind oder sehend, dynamisch-aktiv oder desorientiert-pflegeabhängig, ist von Gott her absolut ohne Bedeutung“, schrieb er 2006 in seinem letzten großen Buch. Klar distanzierte er sich hier von einer „Apartheids-Theologie“, nach der nur derjenige Anerkennung erfährt, der viel leisten kann. Bach betonte demgegenüber die Unvollkommenheit und Begrenztheit des Menschen. In der „bunten Gemeinde Gottes“ gehören für ihn Starke und Schwache zusammen. Geboren wurde Bach am 26. Mai 1931 in Solingen-Widdert. Nach dem Abitur in Bochum studierte er ab 1952 in Wuppertal und Münster Evangelische Theologie. In dieser Zeit erkrankte er an Kinderlähmung. Seitdem war Bach auf einen Rollstuhl angewiesen. Sein Studium konnte er nur mit Hilfe von vier Freunden fortsetzen, die ihn pflegten und begleiteten. Studienkollegen waren es auch, die durchsetzten, dass Bach als behinderter Theologe in den kirchlichen Dienst aufgenommen wurde. Nach dem Examen konnte Bach als Vikar im Wittekindshof in Bad Oeynhausen wirken, war dann Synodalvikar der Synode Dortmund-Nordost und seit 1961 Pastor in der Evangelischen Stiftung Volmarstein. Dort hatte er nicht behindere, leicht behinderte und schwer behinderte Kinder in einer Konfirmandengruppe zu unterrichten. Gleichzeitig arbeitete er als Dozent für Neues Testament und Dogmatik an der Diakonenanstalt Martineum. 1973 erschienen seine ersten Veröffentlichungen zum Themenkreis „der behinderte Mensch als Thema der Theologie“. Aufsehen erregten die „Volmarsteiner Rasiertexte“, Notizen eines Pastors im Rollstuhl. Für eine solidarische Diakonien plädierte er in seinem Buch „Boden unter den Füßen hat keiner“. In „Gesunde und Behinderte“ wandte er sich gegen das „Apartheidsdenken in Kirche und Gesellschaft.“ Mit einem wichtigen Beitrag beteiligte er sich auch an der Bioethik-Debatte: „Auf dem Weg in die totale Medizin?“ Zusammen mit Desmond Tutu und Bengt Hägglund wurde Ulrich Bach1981 die theologische Ehrendoktorwürde der Ruhr-Universität Bochum verliehen. 2002 erhielt er in Berlin den Wichernpreis. 2008 gab er in Volmarstein den Anstoß, ein dunkles Kapitel der Heimgeschichte aufzuarbeiten. Kirche und Diakonie verlieren mit Ulrich Bach einen profilierten Theologen, einen wichtigen Berater und einen kritischen Mahner. Sein Vermächtnis, dass die Kirche ohne ihre schwächsten Glieder nicht ganz ist und sie als Leib Christi eine Gegenwirklichkeit abbilden muss, sollte in steter Erinnerung bleiben. Wolfgang Riewe