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Jürgen Klopp – demnächst Trainer bei Borussia Dortmund und zurzeit Co-Kommentator bei der Fußball-EM im »Zweiten« – spricht offen über seinen Glauben. Foto: team2

»Mein roter Faden ist mein Glaube«

Trainer und TV-Kommentator Jürgen Klopp

Aus dem Archiv (19.06.2008)

Er sitzt zwar nicht jeden Sonntag in der Kirche. Aber er betet jeden Tag: Fußballtrainer und TV-Kommentator Jürgen Klopp. Fußball und Glaube stehen sich in seinem Leben nicht im Weg

Nach 18 Jahren bei Mainz 05 wechselt Kult-Trainer Jürgen Klopp zur neuen Bundesliga-Saison zu Borussia Dortmund. Derzeit ist er bei der Fußball-Europameisterschaft noch einmal als Co-Kommentator am Bildschirm - erklärt mit seinem berühmten Stift, wie Fußball funktioniert und woran sich die Spieler eigentlich orientieren müssten. Woran sich Jürgen Klopp (40) selbst im Leben orientiert, verrät er im Interview mit Gottfried Sohl: an seinem Glauben nämlich – mit Kirchgang, Gebet und allem, was dazugehört. Außerdem ist „Kloppo“ ein großer Fan von Kardinal Karl Lehmann – und umgekehrt.## Herr Klopp, Sie bezeichnen sich als gläubiger Christ. Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben? Neben den Menschen in meinem engsten Umfeld die wichtigste. Also das ist einfach alles, was mich ausmacht, was mich leitet, was meine moralischen Prinzipien festlegt. Mein roter Faden durchs Leben ist mein Glaube, ganz klar! Wurden Sie schon so erzogen? Das war eher ein bisschen verworren: Meine Oma hat mich sonntags mit in die Kirche genommen und ist dort regelmäßig eingeschlafen. Und meine Mutter hat abends mit mir gebetet. Dann kann ich mich noch an mein schlechtes Gewissen erinnern, wenn sonntags Kirchgang und Fußball konkurrierten. Da habe ich sogar kurzfristig aufgehört, Fußball zu spielen. Aber dann habe ich mir gesagt: Wenn Gott das wollte, dann hätte ich nicht so viel Spaß am Kicken. Insgesamt habe ich wohl einen ganz natürlichen Zugang zum Glauben bekommen. Der ist mir bis heute sehr wichtig. Und damit geht es mir wahnsinnig gut. Ich glaube und hoffe auch, dass mein direktes Umfeld das merkt und davon profitiert. Auch die Spieler? Merken die, dass Sie Christ sind? Im Training nicht unbedingt. Ich mache auch nicht mit bei Gebetstreffen, Bibelkreisen und solchen Dingen, die fromme Kicker schon mal gerne auf die Beine stellen. Aber ich bin ja auch als Trainer zuerst Mensch. Und das sollen die Spieler schon spüren. Hat Ihr Image als Sunnyboy, der immer locker und gut drauf ist, damit was zu tun? Ich bin tatsächlich meistens gut gelaunt, das muss ich zugeben. Grundsätzlich gibt es in meinem Leben unglaublich viele Gründe, mich im Minutentakt zu bedanken. Aber es ging mir nicht immer so gut, und trotzdem war mein Glaube immer gleich stark. Übrigens bin ich auch heute beileibe nicht der Sunnyboy, für den mich alle halten. In meinem Beruf muss ich ständig auch harte Entscheidungen treffen. Etwa wenn ich dafür sorge, dass ein Spieler keinen Vertrag mehr bekommt und dann mit der Familie den Verein verlassen, die Stadt wechseln, umziehen muss. Mit den Spielern beten Sie nicht – und privat? Beten ist ein wichtiger Bestandteil meines Christseins. Auch wenn ich manchmal tagsüber so viel zu tun habe, dass ich im Abendgebet einschlafe. Auf alle Fälle beende ich jeden Tag mit einem Gebet, und es kommt auch vor, dass ich einfach so am Tag mal bete. Ja, dass ich einfach im Zwiegespräch bin mit Gott, dass ich mir auch Rat hole. Aber ich bete nie um den Sieg im Fußball, sondern um Kraft, um Besonnenheit, um die notwendige Ruhe, die Dinge richtig einzuschätzen. Aber nicht darum, dass wir gewinnen. Und was ist mit Stoßgebeten zum viel zitierten Fußballgott? Ich fühle mich mit dem Begriff eher unwohl. Denn – auch wenn manche gerne so tun, als wäre es anders – es gibt viel wichtigere Dinge als Fußball. Und dementsprechend kümmert sich Gott um alles. Sicher auch um Fußball und um die Spieler, aber ich denke nicht, dass er dafür eine spezielle Abteilung aufgemacht hat. In der Kirche aber gibt es doch „spezielle Abteilungen“, um bei dem Begriff zu bleiben. Etwa die christlichen Konfessionen... Oh ja. Meine Frau ist katholisch, ich bin evangelisch. Aber wir wechseln da ab beim Kirchgang. Und ich bin felsenfest überzeugt, dass wir irgendwann oben vor dem Himmelstor stehen und uns dort alle wiedertreffen – alle Konfessionen, alle Religionen. Und der eine oder andere muss dann sagen: Mein Gott, waren wir blöd. Jetzt stehen wir alle vor der gleichen Tür und haben da unten so einen Affentanz gemacht. Sie haben den Kirchgang angesprochen. Gehen Sie regelmäßig? Leider nicht, weil die zeitliche Überschneidung zwischen Gottesdienst und Fußball doch enorm ist. Aber wenn wir gehen, dann genießen wir es richtig. Was ich in der Kirche total mag, ist die innere Ruhe, die man da findet. Das ist einfach großartig. Egal, was vorher passiert ist – wenn Du in die Kirche kommst, hast Du schnell das Gefühl, das ist wirklich ein Gotteshaus. Dann findest Du schnell zur Ruhe und genießt das eine Stunde lang oder anderthalb Stunden. Sie haben in Mainz viel mit Kardinal Karl Lehmann zu tun gehabt. Was halten Sie von ihm? Ich bin von ihm ganz begeistert, muss ich ehrlich sagen. Weil er ein hochinteressanter Mensch ist, der so viel zu erzählen hat, der so intelligent ist und schon so viele Dinge erlebt hat. Als jüngerer Mensch kannst Du davon nur profitieren, wenn Du Dich mit ihm austauschen kannst. KNA