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»Rettung schwer erziehbarer Kinder«: Johann Hinrich Wichern, einer der »Väter« der Diakonie in Deutschland.

Was Wichern wirklich wollte

Diakonie/Interview

Aus dem Archiv (19.12.2007)

2008 ist Wichern-Gedenkjahr: 200 Jahre zuvor wurde einer der »Väter« der Diakonie in Deutschland geboren. Welche Bedeutung haben seine Überzeugungen heute?

Der notleidende Mensch braucht die tatkräftige Hilfe, die aus dem Glauben an Jesus Christus kommt: Das war die Grundüberzeugung von Johann Hinrich Wichern. Heute ist das Diakonische Werk einer der größten Sozialverbände hierzulande. Aber kommen Wicherns Ideen darin noch vor? Benjamin Lassiwe sprach mit Klaus-Dieter Kottnik. Der ist Präsident des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) – und damit quasi ein Nachfolger von Wichern.## Wie stark schwebt die Figur von Johann Hinrich Wichern noch über dem Diakonischen Werk? »Als Diakonie wissen wir uns dem Erbe von Johann Hinrich Wichern verpflichtet: Wichern wollte den Zusammenhalt aller Einrichtungen in der Diakonie zur politischen Willensbildung gegenüber der Regierung nutzen. Er wollte, dass der Staat sozial wird, und soziale Aufgaben wahrnimmt. Er wollte, dass diakonische Arbeit eine Arbeit ist, in der Menschen die Liebe Jesu Christi wahrnehmen können. Er hat soziale Arbeit als kirchliche Arbeit verstanden, in der Menschen Christus begegnen können. Diesem Erbe wissen wir uns verbunden. Deshalb machen wir Lobbyarbeit, deswegen achten wir auf den Zusammenhalt unserer Mitgliedseinrichtungen, deswegen legen wir Wert darauf, dass in den diakonischen Einrichtungen Spiritualität erlebt werden kann und es ein klares, christliches, evangelisches Profil gibt. « Wichern war der Begründer der Einrichtungsdiakonie. Sind große Diakoniewerke heute noch modern? »Große Einrichtungen bleiben notwendig. Aber sie müssen sich wandeln, wenn sie zukunftsfähig bleiben wollen. Sie müssen stärker gemeindenah arbeiten. Sie müssen in die Gemeinden hineingehen und den Kontakt zu Kirchengemeinden stärker suchen. Die Zukunft gehört kleinen Einrichtungen, sei es in der Altenpflege, der Behinderten- oder Jugendarbeit, die aber unter dem Dach der großen Träger vernetzt sind und von deren Erfahrung und Kompetenz profitieren können. Weswegen der Weg von Wichern prinzipiell heute noch immer richtig ist.« Heute ist die Diakonie einer von vielen Spielern auf einem großen europäischen Markt von Pflege und Sozialdiensten. Hilft dabei die Tradition von Wichern? »Gerade wenn es viele Spieler gibt, ist es notwendig, dass man die Mannschaft erkennen kann. Und die Mannschaft der Diakonie muss an dem, was es bei ihr gibt, erkennbar sein: Da darf nicht nur das Kronenkreuz hängen als ein Zeichen, als ein Symbol. Dieses Kronenkreuz muss auch mit Inhalten ausgefüllt sein. Deswegen ging es Wichern von vornherein darum, neben guter sozialer Arbeit eben auch die Begegnung mit dem Evangelium zu ermöglichen. So etwas muss in den Einrichtungen der Diakonie stattfinden können. Die Menschen müssen dort auch einen Trost für ihr Leben bekommen können. Ein Angebot, das über die somatische (Anm. d. Red.: auf das leibliche bezogene) Hilfe hinausgeht.« Überall in Europa hat man nach dem Vorbild des Rauhen Hauses Einrichtungen gegründet. Wichern war in ein fast schon globales Netzwerk eingebunden. Wie steht es heute um die Diakonie damit? »Die Diakonie in Deutschland ist europäisch vernetzt. Wir gehören zu den Hauptträgern von Eurodiaconia, einem Zusammenschluss von diakonischen Werken und Einrichtungen aus nahezu allen europäischen Ländern. Wir arbeiten zusammen und haben eine gemeinsame Willensbildung. Vor allem in die neuen Mitgliedsländer der europäischen Union gibt es sehr viele bilaterale Kontakte, nach Polen, Slowenien, Tschechien und Ungarn, auch mit einem regelmäßigen Austausch.« Ein klassisches Zeichen der Diakonie waren lange Jahre auch die Diakonissen mit ihren weißen Hauben. Welche Rolle spielen die geistlichen Gemeinschaften heute in der Diakonie? »Es ist richtig, dass die Diakonissenmutterhäuser in der alten Form der Diakonie nicht mehr sehr viel Nachwuchs haben. Aber der Kaiserswerther Verband, der Zehlendorfer Verband, der Verband des Gemeinschaftswerks der Diakonie, diese Verbände sind gerade dabei, sich neu auszurichten. Und sie entdecken, dass es ihre Aufgabe ist, auch geistlich in die Diakonie und in die Krankenhäuser hineinzuwirken. Ich habe einige Zeit ein Werk geleitet, zu dem ein Diakonissenmutterhaus gehört, die Diakonie in Schwäbisch-Hall. In diesem Werk hat man neben den klassischen Diakonissen auch diakonische Schwestern und Brüder, die sich diesem Verband zugehörig wissen, die gemeinsame Leitlinien haben, auch geistliche Leitlinien, und überall diese Leitlinien in ihre Arbeit mit einbringen, und solches geschieht an anderen Stellen auch.« Was bedeutet Ihnen persönlich Johann Hinrich Wichern? »Ich habe dieses Bild hier in meinem Büro ja mit Absicht aufgehängt. Ich weiß mich Wicherns Erbe verbunden, und vor allem dem Erbe, das besagt, dass wir aus einer ganz klaren evangelischen Sicht heraus diesen Sozialstaat mitgestalten wollen. Es ist die Aufgabe des Diakonischen Werks, die Gesellschaft, den Staat und die Gesetzgebung mitzugestalten. Das ist der Auftrag von Johann Hinrich Wichern.« __________________________ Johann Hinrich Wichern, 1808 - 1881, deutscher Theologe, Begründer der Inneren Mission der evangelischen Kirche. Der langjährige Leiter des „Rauhen Hauses“ in Hamburg, einer Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder, sah in der Entchristlichung der Gesellschaft den Nährboden für soziales Leid. Wichern setzte sich für die „rettende Liebe“ aus dem christlichen Glauben ein. Der Begriff „Diakonie“ bezeichnet das sozial-karitative Handeln der evangelischen Kirche – von „dakonein“, griechisch für „(am Tisch) dienen“. Aus der Inneren Mission und diakonischen Anstalten entstand 1957 das heutige Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland.