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Geschafft! Das Ziel erreicht. Das gelingt nur, wenn man aufsteht, sich auf den Weg macht. Immer wieder erklingt Gottes Ruf: „Steh auf!“ Gott traut uns eine Menge zu, darum können wir auf ihn vertrauen – und aufstehen. Foto: ddp

Immer wieder: »Steh auf!«

Andacht zum 14. Oktober 2007

Aus dem Archiv (12.10.2007)

Johannes 5, 1-16 (18): Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme und Ausgezehrte. Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber an dem Tag Sabbat. ## Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen. Er antwortete ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin. Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da soviel Volk an dem Ort war. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre. Der Mensch ging hin und verkündete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Jesus aber antwortete ihnen: Mein Vater wirkt bis auf den heutigen Tag, und ich wirke auch. Von Gudrun Laqueur Leuchtend orange sinkt die Sonne über Jerusalem. Schweigend lehnt das Paar an diesem Silvesterabend an der Brüstung der Dachterrasse, schaut über Kuppeln und Türme der Altstadt, dann hinüber zum Ölberg, dessen Kirchen im letzten Abendlicht leuchten. Für sie ist ein Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Fast hat sie nicht mehr daran geglaubt, seit Jahren geplagt von chronischen Gelenkentzündungen. Zeitweise konnte sie sich nur mit schwersten Schmerzen in ihrer Wohnung bewegen. Eine Wanderreise ins Heilige Land? „Das kann ich nicht, das schaffe ich nie.“ Nun steht sie hier, über den Dächern der Heiligen Stadt, kaum hundert Schritte von den Bethesda-Teichen, deren Überreste noch heute gut zu sehen sind. Ein Lebenstraum ist wahr geworden. Am Ende der Reise sagt sie uns: „Ich hab es nur gewagt, weil du es mir zugetraut hast.“ – „Und ich habe gedacht, wenn du es dir zutraust, dann können wir es wagen“, gestehe ich. Noch heute spüre ich ein Beben, wenn ich an diese schweigende Übereinkunft zurückdenke. So kann es wohl sein, wenn Christus sagt: „Steh auf!“ „Steh auf!“ Mit diesem Gebot werden Kranke geheilt, Tote zum Leben erweckt, Zögernde zur Tat gerufen. Der Auferstandene sagt es, den Gott selbst in der Frühe des dritten Tages rief: „Steh auf, mein Sohn!“ Immer wieder sagt Gott: „Steh auf!“ Zu Abraham, zu Jakob, zu Mose, zu seinem ganzen Volk. Er reißt Menschen aus der Lähmung und Perspektivlosigkeit und sendet sie auf ihren Weg. Gottes Herzenswunsch ist, dass wir leben – und dass unser Leben diesen Namen verdient, ein Leben mit Gott im Bund.Gott lässt das Leiden seiner Geschöpfe keine Ruhe. „Mein Vater wirkt, und ich wirke auch“, sagt Jesus, um begreiflich zu machen, warum er nicht immer Rücksicht nimmt auf das Gebot der Sabbatruhe. Das ist ja die große Frage des Sabbat: „Wenn Gott ruht, heißt das, ihn lässt das Unheil in seiner Welt kalt?“ Eben nicht! So mündet das jüdische Gebet zum Ende des Sabbat mit der großen Bitte um Erlösung: Sie „komme, eilends“. 38 Jahre hat der Patient verbracht an der Heilquelle, die so nah und zugleich so unerreichbar für ihn war. 38 Jahre zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Kann einer ermessen, was das bedeutet, tagein, tagaus? Nicht erstaunlich, dass der Kranke auf die Frage „Willst du gesund werden?“ gar nicht antwortet. Er schüttet nur die ganze Frustration seines Herzens aus. Vielleicht hat er gar keine Kraft mehr, noch etwas wirklich zu wollen. Da braucht es einen, der die Kraft zuspricht, gibt und zugleich einfordert. Oder sollte es Zufall sein, dass dieser Satz viermal wiederholt wird: „...nimm dein Bett und geh“? Der Kranke bekommt keine Zeit zum Überlegen: Schaffe ich das, traue ich mir das zu? Er hat nur dieses unwiderstehliche Gebot Jesu: „Steh auf“ – und steht auf – und kann gehen. Seine Krankenmatte soll er wegtragen; er braucht sie nicht mehr. Darin liegt viel Wahrheit. Die „gute Besserung“ kann man weder verdienen noch erzwingen. Sie ist immer ein Geschenk. Körperliche und seelische Gesundung kann aber schwer behindert werden, wenn die Hängematte allzu sehr zur Gewohnheit geworden ist. „Ich kann ja nicht“, „Es geht ja sowieso nicht anders!“ Oder noch schlimmer: weil eine achtlose Umgebung sagt: „Bleib nur liegen, du kannst ja eh nicht.“ Immer wieder denke ich an den Abend in Jerusalem, als sie mir sagte: „Ich hab es gewagt, weil du es mir zugetraut hast.“ Gudrun Laqueur(54), Münster, ist Studierendenpfarrerin der ESG Münster